03.05.2021 / Politisches Buch / Seite 15

Enttäuschte Erwartungen

An der eigenen Zeit messen: Domenico Losurdo über Entstehung und Ende des »westlichen« Marxismus

Jürgen Pelzer

In einem seiner letzten Bücher hat der 2018 verstorbene italienische Philosoph Domenico Losurdo ein wichtiges, ja aufrüttelndes Vermächtnis hinterlassen. Der »westliche« Marxismus sei definitiv untergegangen, man müsse ihm die Sterbeurkunde ausstellen. Er habe die Weltlage immer wieder falsch eingeschätzt und spiele nach dem Untergang der Sowjetunion auch politisch kaum noch eine Rolle. Mit »westlicher« Marxismus sind marxistische oder zumindest linkskritische Stimmen gemeint, die noch in den 1980er Jahren etwa im Umfeld eurokommunistischer Parteien oder auf dem Feld neulinker Theorie eine nicht unerhebliche Rolle spielten, mittlerweile aber verschwunden sind.

Losurdo zeigt am Beispiel Ernst Blochs und Walter Benjamins, dass im »Westen« die Erwartung der Weltrevolution nach 1917 nicht selten anarchistisch geprägt war oder messianischen Erwartungen folgte. Für die in dieser Zeit einsetzenden realen Kämpfe etwa in China zeigte man dabei kaum Interesse, da man deren Bedeutung für eine weltweite Umwälzung nicht erkannte. Allenfalls hielt man die antikolonialen Kämpfe für einen Nebenschauplatz. Dagegen erhoben freilich Vertreter aus den Kolonien oder Halbkolonien frühzeitig Einspruch. Für sie standen die Kämpfe für die antikoloniale Revolution im Vordergrund, wobei die um das Überleben kämpfende Sowjetunion als wichtiges Vorbild, ja als Garant des eigenen Erfolgs galt.

Viele Intellektuelle im Westen pflegten dagegen schon bald ein kritisches Verhältnis zur sich gegen alle Widerstände entwickelnden Sowjetunion und zeigten oft wenig oder gar kein Verständnis für deren ökonomische und politische Situation. Den idealen Kommunismus hatte man sich anders vorgestellt. Diese Tendenz setzt sich auch in den 1930er und 1940er Jahren fort, obwohl sich spätestens beim Überfall der Hitlerfaschisten auf die Sowjetunion zeigte, dass dieses Land selbst zum Objekt eines Kolonialkrieges geworden war. Das Ziel bestand darin, das riesige Land mit seinen enormen Ressourcen auszuplündern und die als minderwertig erachtete Bevölkerung zu versklaven. Diese Zusammenhänge hat als einer der wenigen nur der sich an Lenin orientierende Georg Lukács erkannt, wenn man an seine Studien zur Entstehung des Faschismus denkt.

In den vierziger und fünfziger Jahren zeigte der »westliche« Marxismus seine theoretischen Defizite in aller Deutlichkeit. Für Max Horkheimer ist der Sozialismus der Sowjetunion nur ein aufgeblähter autoritärer Apparat, der den Einzelnen versklavt – ein Ansatz, der auf die Gleichsetzung von Kommunismus und Faschismus hinausläuft. Es dauert bis in die 1960er Jahre, bis man sich im Westen für die antikolonialen Kämpfe in Algerien, Vietnam oder Kuba zu interessieren beginnt und wie Herbert Marcuse auf die Zusammenhänge von kapitalistischem System und Kolonialismus bzw. Neokolonialismus hinweist. Doch die Sympathie für diese Befreiungsbewegungen schlägt einmal mehr um, sobald die postrevolutionären Entwicklungen nicht den Erwartungen entsprechen – man denke an die Kritik an Kuba, das Desinteresse am modernen Vietnam, das Unverständnis gegenüber der chinesischen Entwicklung usw.

Die Kritik am »östlichen« Marxismus sollte schließlich noch schroffer ausfallen; historische Zusammenhänge wurde verkürzt, krasse Fehleinschätzungen waren die Folge. Die Nachwirkungen der Totalitarismustheorie sind nachgerade erstaunlich. Einem Land wie den USA wurde etwa von Michael Hardt und Antonio Negri bescheinigt, dass es weder imperialistisch noch kolonialistisch agiere. Theorien dieser Art tragen zum Verständnis der Weltlage nichts bei, ja sie vernebeln die Situation und können erst recht keine revolutionäre Orientierung liefern. Die Sterbeurkunde ist also längst überfällig.

Ein erneuerter Marxismus kann sich nicht auf den »Westen« oder irgendwelche utopische Hoffnungen stützen. Er muss ausgehen von den realen Kämpfen der Gegenwart und eine Brücke schlagen zu den Marxismen etwa in China oder Kuba. Dabei kann auch ein kritischer Blick auf die Zeitlichkeit bei Marx selbst helfen, also darauf, was sich in der jetzt stattfindenden, der nahen oder der fernen Zukunft, was sich vor und nach einer Revolution erreichen lässt. Dabei mögen Korrekturen oder Neueinschätzungen erforderlich sein. Worauf es letztlich ankommt, ist, dass sich ein erneuerter Marxismus »an der eigenen Zeit messen lässt« und seine Begrifflichkeit, ohne ins Doktrinäre zu verfallen, an der Praxis überprüft.

Domenico Losurdo: Der westliche Marxismus – wie er entstand, verschied und auferstehen könnte. Papyrossa, Köln 2021, 280 Seiten, 19,80 Euro

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