24.04.2021 / Feuilleton / Seite 10

»Der Wille zur Gemeinsamkeit scheint ungebrochen«

Über Bier, Berlin und Lyrik in der Coronapause. Ein Gespräch mit Drecksack-Herausgeber Florian Günther

Frank Willmann

Wie geht’s?

Blendend.

Schmeckt das Bier noch? Wo wird es getrunken?

Na ja, ich bin ja kein Genusstrinker, und deshalb gilt nach wie vor: Weniger wäre mehr … Und getrunken wird in immer mehr Widerstandsnestern, habe ich das Gefühl. Jedenfalls wird mir das so zugetragen. Die Leute treffen sich in Wohnungen und sogar in ihren Stammkneipen hinter runtergelassenen Rolläden. Der Wille zur Gemeinsamkeit scheint ungebrochen.

Mietendeckel geplatzt, ­Covidioten alle drei Meter, bleibt Berlin Berlin?

Berlin war immer eine Stadt des Wandels – und meistens zum Schlechten hin. Insofern bleibt alles beim alten.

Treffen mit Freunden nach 22 Uhr sind eine gefährliche Sache geworden. Wie lösen Sie das Problem?

Ich habe keine Freunde. Und um 22 Uhr liege ich bereits im Bett, da ja keine Veranstaltungen mehr stattfinden, die meiner Anwesenheit bedürfen.

Haben Sie wenigstens ein Haustier, um mit ihm ab und an über Literatur zu debattieren?

Keine Kreatur auf Erden hat es verdient, mein Haustier sein zu müssen.

Das Habitat des Drecksack ist die Kneipe, wie kommt er mit der schrecklich frischen Luft klar?

Ein weitverbreiteter Irrtum! Das Habitat des Drecksack ist nicht die Kneipe, sondern die Straße. Und da ist die Luft so schlecht wie immer. Also alles bestens.

Ihre Zeitschrift Drecksack wurde im Dezember zehn, die Pubertät winkt gefährlich, was gibt’s für Gründe zu feiern?

Na, erst mal, dass wir es so weit geschafft haben. Zeitschriften, die es so lange machen, sind rar gesät. Inzwischen haben wir Texte von weit über 200 Autoren veröffentlicht, ­ohne – das nehme ich jedenfalls an – schlechter geworden zu sein. Wir finden, dass das allein schon ein gewichtiger Grund ist, die Kronkorken knallen zu lassen!

Was bedeutet »Lesbare Zeitschrift für Literatur«? Keine Experimente?

Das bedeutet, dass wir eine Zeitschrift für Leser machen, nicht für Literaten. Gegen Experimente ist nichts einzuwenden, solange sich der jeweilige Autor in einer verständlichen und nachvollziehbaren Sprache artikuliert. Wer das nicht kann oder nur deshalb »experimentiert«, weil er nichts zu sagen hat, ist bei uns an der falschen Adresse.

Welches Buch empfehlen Sie als Pandemielektüre?

Da muss ich unbescheiden werden und mein eben erschienenes Buch »Ein Rest von Leben/Remnants of Life« nennen. Sowohl die Gedichte als auch die in den Straßen von L. A. entstandenen Fotografien von Michael Dressel beschäftigen sich mit dem Alltag derer, die hier wie da auf der untersten Sprosse der Gesellschaftsleiter angesiedelt sind.

Wann kommt der nächste Drecksack, was steht drin, wo können wir ihn kaufen?

Wie das Buch so ist ja auch der ­April-Drecksack gerade erst erschienen. Cover und Inhaltsverzeichnis können auf unserer Homepage eingesehen werden, dort kommt man auch zum Shop. Leider läuft das alles derzeit nur noch so. Sämtliche Verkaufsstellen sind geschlossen.

Haben Sie ein paar Zeilen des Trostes für die Leserinnenschar?

Eine muss reichen: Nichts wird so heiß gegessen, wie’s gekocht wird.

Florian Günther (58) ist Lyriker und Herausgeber des Drecksack – Lesbare Zeitschrift für Literatur

www.edition-luekk-noesens.de/drecksack

https://www.jungewelt.de/artikel/401172.literatur-der-wille-zur-gemeinsamkeit-scheint-ungebrochen.html