22.04.2021 / Feuilleton / Seite 11

Umgekehrte Reihenfolge

Wild und eigensinnig: Thomas Kunsts Roman »Zandschower Klinken«

Thomas Schaefer

Man darf sich seine Lieblingshelden aussuchen, die Romanhandlung nach eigenem Gutdünken vorantreiben, und es gibt sogar »Raum zum Einkleben Ihres vollschlanken Lieblings-Pin-ups«: Der »Lexikonroman« des Österreichers Andreas Okopenko (1930–2010) war eine wilde, lustige Sache. Er erschien 1970, in einer Zeit, als sowohl das avantgardistische Schreiben – Konkrete Poesie u. a. – passé war, als auch das »Ende der Erzählens« anstand. Experimentiert wird nach wie vor nicht mehr, erzählt hingegen ungebrochen. Diese formelle Mutlosigkeit ist nichts, was einem wie Thomas Kunst gefallen könnte, vom Konventionellen hat sich der 1965 in Stralsund geborene, in Leipzig lebende Autor mit seinen in kleineren Verlagen publizierten Prosatexten und Gedichten schon immer abgegrenzt. Seit er 2017 mit dem Gedichtband »Kolonien und Manschettenknöpfe« Suhrkamp-Autor wurde, erreicht er mit seiner Eigenart auch ein größeres Publikum. Kein Wunder, dass die Okopenko-Lektüre mehrfach in Kunsts neuem Roman »Zandschower Klinken« empfohlen wird, nicht nur deshalb würde Okopenko dieses Buch gefallen, dessen Schrägheit aus seinem Geiste ist, aber auch aus dem von Dada oder Absurdem Theater: »Im Südharz geht das Nichtstun in die Breite.«

Die »Story« handelt von einem gewissen Bengt Claasen, der in einem norddeutschen Ort namens Levenhaug gelebt hat, wo ihn nichts mehr hält. Offensichtlich hat er sowohl seine Lebensgefährtin als auch den Hund verloren. Mit dessen Halsband macht sich Claasen auf den Weg, er legt es aufs Armaturenbrett seines Autos, und da, wo das Halsband vom Armaturenbrett herunterrutscht, will Claasen anhalten und sich niederlassen. Das ist dann Zandschow, ein Kaff ganz im Norden, an der A 7 gelegen. Es ist ein Ort mit einem Feuerlöschteich, der eine zentrale Rolle einnehmen wird, u. a. als Indischer Ozean, es gibt den Getränkehändler Wolf, der nicht nur am See Festivitäten ausrichtet, sondern für die Bewohnerschaft einen »strengen Wochenplan« erstellt, um ihrem Dasein »Struktur und Würde zu verleihen«.

Freilich sind zuverlässige Plotelemente und Aussagen, an die man sich klammern kann, rar gesät. Es geht um die »magische Aufenthaltsgelassenheit« der Dorfbewohner, die sich den Zwängen der modernen Leistungs-, Konsum- und Verwertungsgesellschaft verweigern. Es gibt Hinweise auf Eltern und Schwester des Helden, den es mal nach Sansibar und Kolumbien verschlagen haben mag, der Taxifahrer gewesen sein könnte, in erster Linie aber ein unzuverlässiger, unglücklicher, zudem beschäftigungsloser Kantonist ohne Perspektive ist: »Bengt Claasen hielt die Stellenangebote in seiner Region für beleidigende Vergeltungsmaßnahmen gegenüber den poetischen Bemühungen seiner dünnhäutigen, aber leidlich unakademischen Biographie.« Voller Motive, Anspielungen und Verweise steckt das Buch, es zitiert das Märchen, den Reise- und Entdeckerroman, triviale Mythen, Popmusik und Sport. Ob der literarische Mummenschanz, die wortwörtlichen Wiederholungen ganzer Passagen zum Beispiel, ein ganzes Buch trägt, Running Gags wie die immer wieder gestreute Formel »in umgekehrter Reihenfolge«? Manchmal zieht sich das Ganze doch ein wenig. Leseempfehlung: Man lasse sich auf den Text ein, indem man sich an dessen Oberfläche treiben, ihn in seiner Musikalität und erfinderischen Zauberkraft wirken lässt. Und man mache Halt bei den vielen originellen Sequenzen, die an Eugène Ionescos »Kahle Sängerin« erinnern oder an Peter Handkes »Über die Dörfer«: »Wir erfinden eine Dynastie der Fehlbarkeit. Wir lassen mit einem Gedicht die Mittagspause der Regierung ausfallen. Wir haben Grund zu der Annahme, dass unser Dasein nicht ernst genommen wird. Wir stehen ausschließlich in Kontakt mit denen, die uns nicht mehr nützlich sind.« Nicht nur dieses subversiven Manifests wegen: Der Roman »Zandschower Klinken« hebt sich erfrischend von den bitterernsten Tönen der heutigen Literatur ab, er ist autonom, schräg, komisch und ernsthaft. Auch sein Publikum nimmt er ernst, denn er traut ihm zu, so eigensinnig zu lesen, wie er geschrieben ist.

Thomas Kunst: Zandschower Klinken. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2021, 253 Seiten, 22 Euro

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