19.04.2021 / Ansichten / Seite 8

Antifaschist des Tages: Andrij Melnyk

Reinhard Lauterbach

Es ist das Schicksal von Toten, dass sie sich nicht gegen ihre posthume Vereinnahmung wehren können. 1999 schickte der grüne Außenminister Joseph Fischer Serbien die Bundeswehr auf den Hals, um eine »Wiederholung von Auschwitz zu verhindern«. Aktuell missbraucht Andrij Melnyk, Botschafter der Ukraine in Berlin, die Opfer der deutschen Besatzung zwischen 1941 und 1944. Gegenüber der Welt am Sonntag (online) ließ sich Melnik das Argument einfallen, die »Naziverbrechen gegen das ukrainische Volk« geböten heute, dass die BRD bei der Aufnahme der Ukraine in die NATO eine »Vorreiterrolle« spielen müsse.

Da steht der Mann in guter schlechter Tradition. Österreich-Ungarn, das deutsche Kaiserreich, die Weimarer Republik und das Nazireich haben bei Gelegenheit gern die ukrainische Karte gespielt. Mal gegen Polen, mal gegen Russland bzw. die Sowjetunion. Das vom deutschen Militärgeheimdienst aufgestellte ukrainische Freiwilligenbataillon »Nachtigall« ging sofort ans Werk: eine Woche nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion mit einem Judenpogrom im frisch eroberten Lwiw. Ebenso, wie kollaborierende ukrainische Hilfspolizei Ende September 1941 in Kiew beim dreitägigen Massaker von Babij Jar mitgewirkt hat. Wie bei den vielen weiteren Massakern durch die »Einsatzgruppen«. Wenn es ein spezifisches deutsches Verbrechen am ukrainischen Volk gegeben hat, dann besteht es darin, diese einheimischen Todesschwadronen losgelassen zu haben. Ukrainer waren neben Deutschen die Täter, soviel steht fest.

Alle anderen deutschen Verbrechen auf ukrainischem Boden betrafen die Ukrainer als »slawische Untermenschen« und Teil des sowjetischen Volkes: Hunger, Zwangsarbeit, Ausplünderung, Zerstörungen. Daran zu erinnern, bedeutet gerade nicht, die politischen Erben Stepan Banderas und seiner Mörderbanden aufzuwerten oder gar aufzurüsten.

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