31.03.2021 / Inland / Seite 5

»Unsere Gesundheit aufs Spiel gesetzt«

Umsätze in Baubranche 2020 gestiegen. Beschäftigte weniger geschützt. Ein Gespräch mit Jonny Deckel

Interview: Raphaël Schmeller

Die Baubranche hat im Coronajahr 2020 Rekordumsätze erzielt. Gab es dafür eine Anerkennung für die Beschäftigten?

In unserer Firma haben wir eine Coronaprämie von 1.500 Euro netto erhalten. Im April oder Mai soll es zudem eine weitere Leistungsprämie geben. Das ist auch angebracht, denn wir haben das ganze Jahr über durchgearbeitet. Viele Unternehmen haben aber gar keine Prämie an die Beschäftigten ausgezahlt. Das bedeutet, es gibt noch viele »schwarze Schafe«, die ihre Leute durcharbeiten und nicht an den Gewinnen teilhaben lassen.

Gibt es ausreichende Schutzmaßnahmen auf den Baustellen, auf denen Sie arbeiten?

Es wurden gute Konzepte entwickelt, Masken und Desinfektionsmittel zur Verfügung gestellt. Auch wenn in der Praxis nicht immer alles perfekt umgesetzt werden konnte, hat alles ganz ordentlich geklappt. Bei vielen Hochbaufirmen mit ihren großen Baustellenkomplexen sind mir aber einige Dinge negativ aufgefallen. Die großen ­Toilettenanlagen beispielsweise haben den Coronaschutzmaßnahmen oft nicht entsprochen.

Wie hat sich die Coronakrise insgesamt auf den Arbeitsschutz ausgewirkt?

Es gab weniger Kontrollen, weil in den zuständigen Behörden viel Homeoffice gemacht wurde. Eigentlich hätte in diesen Fällen dann auch der Bau aufhören sollen zu arbeiten. Doch wir haben durchgearbeitet und unsere Gesundheit aufs Spiel gesetzt. Das ist so nicht in Ordnung. Und auch jetzt arbeiten wir weiter, ohne dass wir das Gefühl haben, die Politik hätte einen Plan. Auch unsere Branche braucht einen Impfplan. Nur weil es bis jetzt relativ gutging, wird einfach weitergemacht wie gehabt.

Laut IG BAU sind im vergangenen Jahr 97 Bauarbeiter auf dem Bau tödlich verunglückt. Das sind 27 mehr als 2019 …

Ja, das hat sicherlich mit den mangelnden Kontrollen zu tun. Wenn weniger kontrolliert wird, dann läuft alles automatisch ein bisschen lockerer auf der Baustelle – und dadurch passieren diese ganzen Arbeitsunfälle.

Was muss verändert werden?

Die Gewerkschaften haben im vergangenen Jahr viel über das Wegegeld gesprochen, das dann auch gekommen ist. Doch ich denke, das ist alles Quatsch. Das wollen die Leute gar nicht. Das Wegegeld kann man sich nämlich viel transparenter über die Steuer zurückholen. Dass sich die Gewerkschaft für 0,5 Prozent Wegegeld so gebrüstet hat, fand ich nicht sehr lustig.

Was sich viel dringender verändern muss, ist das Lohngefälle zwischen Ost und West. Es kann nicht sein, dass diese Ungleichheit 30 Jahre nach der »Wende« immer noch besteht. Selbst beim Essensgeld gibt es ein Gefälle zwischen Ost und West. Wir haben ca. 2,50 Euro, im Westen sind es 4,60 Euro. Es braucht jetzt einen großen Sprung, ansonsten haben wir auch noch in 20 Jahren das Problem.

Jonny Deckel ist Polier (Baustellenleiter) bei der TRP Bau GmbH und Mitglied der IG BAU

https://www.jungewelt.de/artikel/399784.serie-unsere-armut-ihre-profite-unsere-gesundheit-aufs-spiel-gesetzt.html