10.03.2021 / Thema / Seite 12

Ein Fest für Konzerne

Vorabdruck. Unter dem Druck von Weltbank und Internationalem Währungsfonds. Über die Privatisierungspolitik in Afrika

Georg Auernheimer

Dieser Tage erscheint im Papyrossa-Verlag von Georg Auernheimer das Buch »Wie gesellschaftliche Güter zu privatem Reichtum werden«. Wir veröffentlichen daraus mit freundlicher Genehmigung des Verlags und des Autors einen redaktionell leicht gekürzten Abschnitt über die Privatisierungspolitik in Afrika. (jW)

Die Politik der Privatisierung wurde von den afrikanischen Staaten nach dem Ende der bipolaren Weltordnung nur zögernd übernommen. Rund ein Drittel der Staaten hatte nach der Unabhängigkeit – gestützt auf einen oft deklarativen Sozialismus – Banken und Unternehmen, in der Regel in der Hand der ehemaligen Kolonialherren, verstaatlicht. Neun Regierungen, darunter die von Ägypten, Äthiopien, Mali und Tansania, hatten außerdem eine Bodenreform in ihrem Programm und teils auch ansatzweise durchgeführt. Aber der Verfall der Rohstoffpreise, die in den 1960er und noch in den 1970er Jahren die Zuversicht geweckt hatten, dass die erkämpfte Unabhängigkeit bewahrt werden könne, zwang in den 1980er Jahren zu einer ausufernden Verschuldung und damit in eine neue Abhängigkeit, so dass die rasche Verabschiedung von einer sozialistischen Programmatik um 1990 nicht verwundert.

Da IWF und Weltbank – geleitet vom Washington Consensus¹ – jede Kreditvergabe von marktradikalen »Reformen« wie Rückzug des Staates, Deregulierung und Liberalisierung abhängig machten, übernahmen die meisten afrikanischen Regierungen rasch die neoliberalen Richtlinien. Zwar legten IWF und Weltbank bei den Strukturanpassungsprogrammen mehr Gewicht auf Austerität, Marktöffnung etc. als auf die Privatisierung staatlicher Unternehmen. Aber Austerität und Marktöffnung zwangen indirekt und langfristig zu Privatisierungen. Eine Internetrecherche legt den Schluss nahe, dass vor 2000 nur wenige Privatisierungen durchgeführt wurden. Noch 2020 waren sie vielfach nur angekündigt, viele Staatsbetriebe erst im Angebot.

Häufiger sind Öffentlich-Private Partnerschaften. 2018 zählte die Weltbank 460 solcher Kooperationen, darunter in Südafrika, Nigeria, Kenia, Ghana, Côte d’Ivoire und Senegal (vgl. Le Monde diplomatique, LMd, 11/20). 2020 beschloss die Afrikanische Entwicklungsbank die Förderung von Public Private Partnerships.

Vorreiter der Privatisierung waren Tunesien, wo die Regierung bereits Ende der 1980er Jahre mehr als 150 staatliche Firmen privatisiert oder teilprivatisiert hat, der Sudan und Kenia mit der Privatisierung der Sudan Airways 1991 und der Kenya Airways 1996. Der Sudan verkaufte 1993 auch 40 Prozent der Anteile an der Telekommunikationssparte. Gedrängt von IWF und Weltbank privatisierte die Regierung von Sambia 1992 das Gesundheitswesen. Privatkliniken wurden durch staatliche Anreize gefördert. Bei den staatlichen Krankenhäusern wurde eine Nutzungsgebühr eingeführt. Beides zusammen führte zu einer extremen Verschlechterung der Versorgung, zumal als dann mit der Privatisierung der Kupferminen die betriebseigenen sozialen Dienste aufgelöst wurden.²

Die staatlichen Kupferminen von Sambia, einem der größten Kupferexporteure weltweit, wurden Ende der 1990er Jahre auf Betreiben und unter Anleitung von IWF und Weltbank veräußert, und zwar ohne Parlamentsbeschluss. Die Regierung zu überzeugen, fiel vermutlich leicht; denn der Preisverfall für Kupfer in den 1990er Jahren hatte Sambia in große Schwierigkeiten gebracht. Möglicherweise war nicht vorauszusehen, dass sich der Markt kurz darauf erholte, was für die internationalen Konzerne, die in das Geschäft einstiegen, zu einem Fest geriet. Damit wurde der industrielle Kernsektor des Landes geopfert. Die Minen sind um so profitabler, als sich die Investoren weder um soziale Standards noch um Umweltschutz scheren (vgl. LMd, 8.5.2009). Die Arbeitsbedingungen sind gesundheitsschädlich, teils mörderisch, zahlreiche Arbeiter sind unterbezahlt, oft bei Zeitarbeitsfirmen beschäftigt, die Arbeitsverhältnisse unsicher.

Die Investoren haben im Lauf der Jahre mehrfach gewechselt. Abwasser mit Schwermetallverbindungen wird bedenkenlos in die Gewässer eingeleitet. Die Infrastruktur wird vernachlässigt. Dagegen hatte sich der Staatskonzern ZCCM nach Angaben eines Arbeitervertreters noch um alle Belange der Bergleute und ihrer Familien gekümmert. Der Gewerkschafter: »Er hielt die Siedlung instand, betrieb die Schulen und die medizinische Versorgung, organisierte Abendkurse und Sportvereine« (LMd, 8.5.2009).

Auch den Energiesektor hat Sambia aus Mangel an Finanzmitteln für private Investoren geöffnet. 2019 beauftragte die Regierung ein Konsortium unter der Führung von General Electric und Power China mit dem Bau eines Wasserkraftwerks am Sambesi im Wert von vier Milliarden US-Dollar. Das Beispiel Sambia zeigt auch, dass der Energiesektor mit der Förderung erneuerbarer Energien zunehmend privaten Investoren überlassen wird. So wurde ein Solarprogramm ausgeschrieben, was 2019 die Inbetriebnahme von zwei Anlagen zum Ergebnis hatte. Der Energieminister hat außerdem ein großes Windkraftprojekt initiiert (vgl. Zeitschrift Entwicklung und Zusammenarbeit, E+Z 7/8 2020).

Erzwungene Privatisierung

Der Wirtschaftswissenschaftler Joseph Stiglitz hat dem IWF vorgeworfen, er habe »Privatisierungen aufoktroyiert«.³ In mehreren Fällen haben IWF und Weltbank nachweislich Druck auf die Staaten ausgeübt, in einigen anderen lässt sich darauf schließen. Die Folgen der Privatisierung waren häufig verheerend. In Mali wurde die Elektrizitätsgesellschaft Énergie du Mali (EdM), die auch für die Wasserversorgung von Bamako zuständig war, auf Druck von IWF und Weltbank im Jahr 2000 privatisiert. Weil der Betreiber nicht die vereinbarten Leistungen erbrachte und des Vertragsbruchs beschuldigt wurde, konnten die Wasserbetriebe nach fünf Jahren wieder rekommunalisiert werden. Das gleiche geschah mit der Wasserversorgung von Daressalam/Tansania, die 2002 auf Druck der Weltbank von einem privaten Konsortium, den »City Water Services Ltd.« (CWS), übernommen worden war. 2005 kündigte die Regierung von Tansania den Vertrag, weil CWS nicht die vereinbarten Leistungen erbrachte.

Auch von Ghana hat die Weltbank in den nuller Jahren die Beteiligung privater Investoren bei der Wasserversorgung gefordert. Die staatliche Ghana Water and Sewerage Corporation (GWSC) bekam wegen »Reformunfähigkeit« keine zinsgünstigen Weltbankkredite mehr. 2009 wurde sie in eine privatrechtliche Form überführt und ab dann von einer Privatfirma, der niederländisch-südafrikanischen Aqua Vitens Rand Limited (AVRL) betrieben (vgl. LabourNet, 18.12.2012). Auch der Stromsektor Ghanas weckte die Unzufriedenheit der internationalen Geldgeber. Nach 2015 wurde das staatliche Energieverteilungsunternehmen Electricity Company of Ghana (ECG) privatisiert, nachdem zwischen der ghanaischen Regierung und dem IWF ein »Reformprogramm« vereinbart worden war. In dem kleinen Lesotho versprach man sich die Modernisierung des Gesundheitssystems von einem von der Weltbank vermittelten Public Private Partnership mit dem britischen Klinikkonzern Netcare. Der Bau eines Krankenhauses verschlang das gesamte Budget für den Gesundheitsbereich und verschuldete das Land.⁴

In einigen Fällen ist der Einfluss des IWF nicht direkt dokumentiert. Die Kenya Airways wurden teilprivatisiert, nachdem man 1992 hatte lesen können: »Der ›Pariser Club‹ der Geberländer fror im November für zunächst sechs Monate einen Großteil seiner zugesagten Darlehen ein. (…) Auch der Internationale Währungsfonds hielt gut 63 Millionen Dollar zurück, weil Kenias Haushaltsdefizit noch zu hoch und der Fortschritt der Reformen im öffentlichen Sektor zu langsam sei« (Die Zeit, 12.6.1992). Die Luftfahrtgesellschaft wurde 2019 zurückgekauft, nachdem die Schuldenlast durch Ausbaupläne und rückläufige Passagierzahlen den privaten Investoren zu groß geworden war.

Die auf Druck der Kreditgeber durchgeführten Privatisierungen waren also fast immer wirtschaftlich nachteilig. Das Schicksal der staatlichen Agentur für landwirtschaftliche Entwicklung in Malawi ließe aber fast vermuten, dass Weltbank und IWF lernfähig sind. Auf ihre Empfehlung hin verabschiedete die Regierung ein Liberalisierungsprogramm, das unter anderem die Privatisierung einer Agentur vorsah, die bis dahin Saatgut und Dünger bereitgestellt, die Maispreise stabil gehalten und für Nahrungssicherheit gesorgt hatte, indem sie in knappen Zeiten Mais zu einem akzeptablen Preis verkauft hatte. Ein neues Programm zur Politikfolgenabschätzung namens »Poverty and Social Impact Analysis« zeigte jedoch die Risiken der Privatisierung jener Agentur für »Agricultural Development and Marketing Cooperation« auf, so dass sich die Weltbank belehren ließ und ihre Auflagen in diesem Punkt korrigierte (E+Z, 15.9.2010). Wir können außer acht lassen, ob der Lernprozess bei IWF und Weltbank von Dauer ist. Nachrichten vom Mai 2020 über Schuldenerlass oder Zahlungsaufschub für afrikanische Staaten könnten das vermuten lassen.

Die Privatisierung von Staatsbesitz bedurfte jedoch in afrikanischen Ländern nicht des unmittelbaren Drucks von seiten der internationalen Institutionen. Die Regierungen und Parlamente sahen und sehen sich zu Privatisierungen genötigt, um mit dem Geld Haushaltsdefizite abzutragen oder Schulden zu begleichen. Jedenfalls motiviert sie dazu die trügerische Hoffnung, die Probleme, meist strukturelle Probleme, damit lösen zu können. Manchmal fehlt das Geld zur Sanierung von Infrastrukturen, zum Beispiel von Eisenbahnen, so dass man sie privatisiert (Elfenbeinküste und Burkina Faso 1995, Malawi 1999, Kenia und Uganda 2006, Senegal und Mali 2006). Speziell der Devisenmangel verleitet zum Verkauf von staatlichen Unternehmen an ausländische Investoren, um Devisen für den Kauf von Investitionsgütern, für den Import von Lebensmitteln oder auch für den Import von Luxusartikeln für die einheimische Elite zu erhalten. Lebensmittelimporte werden oft in der Folge von »Agrarreformen« notwendig, mit denen die Marktorientierung der bäuerlichen Subsistenzwirtschaft gefördert werden sollte, ohne dass die dafür nötige Infrastruktur geschaffen worden wäre. So wird zum Beispiel aus Angola berichtet: »In den Provinzen beklagen sich Bauern, dass ein Teil ihrer Ernte verfault, weil sie sie nicht nach Luanda bringen können. Die Straßen und Brücken sind in zu schlechtem Zustand« (Deutschlandfunk, 16.5.2020). Das zwinge Angola zum Import von Lebensmitteln.

Teilweise entscheiden sich die politisch Verantwortlichen auch ohne unmittelbare Not für Privatisierungen, um die Wirtschaft für Geldgeber und Investoren attraktiv zu machen, was der Glaube an neoliberale Lösungsmuster zusätzlich ideologisch unterstützt. Das dürfte zum Beispiel für die wirtschaftliche Liberalisierung im Tunesien der späten 1980er Jahre gelten. Aus Marokko wurde im Oktober 2018 berichtet, der Wirtschaftsminister plane einige Privatisierungen, um das Haushaltsdefizit auf drei Prozent des BIP zu senken (Maghreb Post, 25.10.2018). Im selben Jahr standen in Algerien 1.200 Unternehmen auf einer Liste von Privatisierungsvorhaben. Besonders privatisierungsfreudig scheinen die politischen Eliten in Angola mit seinem Ölreichtum und in Tansania, heute ein Musterland aus westlicher Sicht. Von der Privatisierung der Wasserversorgung der Viereinhalbmillionenstadt Daressalam war oben schon die Rede. Vor allem versucht man in Tansania, die Modernisierung der Landwirtschaft mit einer Öffentlich-Privaten Partnerschaft im gigantischen Maßstab voranzutreiben. Das Projekt heißt »Southern Agricultural Growth Corridor of Tanzania« (SAGCOT). Und die Regierung von Angola setzt auf ein großes Privatisierungsprogramm, das bis 2022 alle relevanten Wirtschaftssektoren des Landes umfassen soll, den Energiesektor, Banken und Versicherungen, die Telekommunikation, den Transportsektor, den Tourismus, Industriebetriebe und die Landwirtschaft einschließlich der Nahrungsmittelverarbeitung (Germany Trade & Invest, 11.10.2019).

Internetplattformen, die Anlage suchendes Kapital zum Adressaten haben, machen afrikanischen Regierungen deutlich, was Investoren erwarten. Im Magazin von Germany Trade & Invest kann man beispielsweise über Nigeria lesen: »Seit 2012 verfolgt der Staat eine radikale Privatisierung des Energiesektors, um Investoren für den Bau und Betrieb von Kraftwerken und Verteilernetzen anzulocken. Dennoch bleiben Investoren zurückhaltend, weil die Rahmenbedingungen eine langfristige Planung der Einnahmen derzeit nicht gewährleisten. Zu einem Leuchtturmprojekt könnte sich das gerade im Bau befindliche erste IPP (Independent Power Producer) des Landes namens Azura-Edo entwickeln, an dem Siemens und Julius Berger maßgeblich beteiligt sind.« Der Rödl & Partner Investitionsführer Angola 2019/2020 gibt folgende Auskunft zum Privatinvestorengesetz Angolas vom Juni 2018: »Es regelt die Grundsätze sowie Voraussetzungen für private Investoren in Angola und beschreibt zudem die Vorteile, die der angolanische Staat dem privaten Investor gewährt, bspw. die Verringerung von Kapitalanforderungen, keine obligatorischen Partnerschaften für Investitionen in Angola, die Gewährung von steuerlichen Vorteilen ...«

Folgende Wirtschaftssektoren sind in Afrika am häufigsten von Privatisierungen betroffen:

– Airlines und Airports, so in Kenia 1996, Senegal 2001, Äthiopien, Ägypten, Angola (in den drei letztgenannten Ländern 2020 in Planung bzw. im Angebot),

– die Telekommunikation, z. B. in Sudan 1993, Senegal 1999, Niger 2001, Südafrika 2003,

– die Wasserversorgung und Sanitärinfrastruktur in Großstädten von Mosambik 1999, Mali 2000, Tansania 2002, Südafrika 2003, Ghana 2009 (in Mali und Tansania nach wenigen Jahren rekommunalisiert),

– der Stromsektor in Senegal 1999, Mali 2000, Nigeria 2012, Ghana 2015,

– der Logistiksektor, speziell auch Häfen, in Algerien 2018 (PPP-Projekt), Ägypten 2020, Äthiopien 2020 (in den beiden letztgenannten Ländern noch im Angebot).

Lage in der Landwirtschaft

Im Sektor Landwirtschaft verdienen drei große Privatisierungsprojekte eine genauere Darstellung. Mali hatte lange Zeit als zweitgrößter Erzeuger von Baumwolle in der Welt einen bescheidenen Wohlstand bieten können. Die staatliche Gesellschaft kaufte den Bäuerinnen und Bauern die Rohbaumwolle zu einem stabilen Preis ab, womit Tausende Familien ihr Überleben sicherten. 2008 wurde die 1974 gegründete Gesellschaft zur Entwicklung der Textilindustrie per Beschluss der Nationalversammlung privatisiert, was mit der Aufteilung in vier Tochtergesellschaften mit unterschiedlicher regionaler Zuständigkeit verbunden wurde. 17 Prozent der Anteile blieben dem Staat reserviert, 20 Prozent waren für die Produzenten vorgesehen. Die von den Politikern erwarteten Fortschritte sind ausgeblieben, die Folgen sind negativ. Die Privatisierung hatte zusammen mit der Anpassung an die vom Weltmarkt vorgegebenen Preise verheerende Konsequenzen für die malischen Baumwollbauern und -bäuerinnen. Viele haben den Anbau eingestellt, was die Schließung vieler baumwollverarbeitender Betriebe zur Folge hat. Heute leben vier von fünf Baumwollbauern und -bäuerinnen in Mali in Armut. Die Region Sikasso, wo ein Großteil der Baumwolle angebaut wird, gilt als die ärmste des Landes.⁵

Der schon erwähnte landwirtschaftliche Wachstumskorridor von Tansania soll in Partnerschaft zwischen Staat und Agrarunternehmen die Modernisierung der Landwirtschaft fördern und damit zur Nahrungssicherheit beitragen. Der Wachstumskorridor gilt als Vorzeigeprojekt der »New Alliance for Food Security and Nutrition in Africa«, einer Initiative von Industriestaaten und Nahrungsmittelkonzernen, Landmaschinenherstellern und Versicherungen (u. a. Bayer, Nestlé, Unilever, Cargill). Rund 80 Unternehmen sind Partner des Projekts in Tansania. Der Korridor umfasst ein Drittel des Landes, eine Fläche von der Größe Italiens, und zwar die fruchtbarste Region. Das Land soll zu einem Teil von einheimischen Bauern nach modernen Methoden bewirtschaftet werden, zu einem anderen Teil wird es geprüften Investoren nach Verhandlungen mit den Dorfgemeinschaften zur Nutzung überlassen, so die offizielle Darstellung. Die Pachtverträge haben eine Geltungsdauer von 99 Jahren. Die Investoren müssen sich nach Angaben der Projektleitung auf soziale und ökologische Standards verpflichten. Unter anderem sollen sie mit den landwirtschaftlichen Erträgen primär regionale Märkte bedienen. Die dörflichen Gemeinschaften beziehe man nach umfassender Information in die Entwicklung ein. Die Erwartung der Initiatoren war, dass die privaten Partner die Bauern mit neuem landwirtschaftlichen Input (Saatgut, Dünger, Pestizide) und modernen Anbaumethoden vertraut machen, so dass eine Win-Win-Situation entsteht.

Abgesehen davon, dass diese Modernisierungsstrategie ihre Tücken in sich birgt, weil sie die bäuerlichen Produzenten den Agrarkonzernen ausliefert, scheint nach kritischen Berichten von NGOs heute kaum etwas von der Vision Realität zu sein, wobei offenbleiben muss, inwieweit die Fallschilderungen repräsentativ sind. Auf jeden Fall trüben sie das schöne Bild, das von der staatlichen Projektleitung gemalt wird. Von der Einbindung der Betroffenen war von Anfang an nichts zu merken. Ein Sprecher des Bauernverbands dementiert: »Als SAGCOT konzipiert wurde, waren wir nicht eingeladen.«⁶ Die Versprechen, die den Dorfgemeinschaften bei den Verhandlungen über die Abtretung von Land gemacht wurden (Bau einer Straße, einer Schule, Strom- oder Wasseranschluss u. ä.), werden oft nicht eingelöst.⁷ Die Investoren versuchen außerdem, die Pachtfläche, die dem Unternehmen jeweils vom staatlichen Investment Center zugesprochen wurde, unter der Hand zu erweitern. Es kommt also zu Landraub und auch zu Wasserraub. »Silverlands wollte nämlich Wasser aus unserem Fluss abzweigen. Wir hatten Angst, dass es in der Trockenzeit nicht mehr für uns reichen würde«, so der Bürgermeister eines Dorfes.⁸

Angebaut werden häufig Exportgüter. Die Bauern und Bäuerinnen werden entweder zu Saisonarbeit oder als Vertragsbauern verpflichtet, die ihre Ernte zu einem Festpreis abgeben müssen, nachdem ihnen vorher Saatgut und Dünger zu einem ebenfalls vom Unternehmen diktierten Preis geliefert worden sind. »Wir mussten das Saatgut von KPL kaufen, obwohl wir es bei Njagi viel billiger kriegen. Das von KPL hat dreimal so viel gekostet«, beschwert sich ein Bauer.⁹ Der Preis für das Produkt wird den Bauern noch nicht einmal in Geld ausbezahlt, über das sie frei verfügen könnten. Bei KPL bekommen sie einen Teil als Dünger, einen Teil als Saatgut, außerdem Ausrüstung, daneben etwas Bargeld. Die Abhängigkeit ist also total.

»Seitdem ausländische Investoren hierherkommen, gibt es Landprobleme. Überall, wo es Investoren gibt, findet ein Konflikt zwischen Investor und Dorfbewohnern statt«, sagt der Sprecher der Bauernorganisation Mwivata.¹⁰ Angola hat im Rahmen des groß angelegten Privatisierungsprogramms ProPriv 2019/20 sieben Viehzuchtbetriebe und agroindustrielle Unternehmen verkauft, und zwar drei Schlachthöfe, ein Kühllager, eine Tomatenfabrik, eine Bananenplantage und eine agro-industrielle Farm. Die Betriebe gingen zwar nicht an ausländische Investoren, sondern an angolanische Unternehmer. Aber die Privatisierung wird, wie üblich, eine stärkere Ausbeutung der Arbeitskräfte mit sich bringen, falls bei den meist informellen Arbeitsverhältnissen noch eine Verschlechterung möglich ist. Die mit dem Privatisierungsgesetz verbundene Erwartung, das wirtschaftliche Wachstum zu fördern, wird sich dennoch nicht erfüllen.

Fazit

Die Staaten in Afrika wurden nicht selten im Rahmen der Strukturanpassungsprogramme, von denen IWF und Weltbank die Kreditvergabe abhängig machen, zur Privatisierung staatlicher Dienstleistungsbetriebe und Industrien genötigt. Neuerdings fördert auch die Afrikanische Entwicklungsbank erklärtermaßen die Politik der Privatisierungen, speziell Öffentlich-Private Partnerschaften. Generell haben finanzielle Notlagen, aber auch die Erwartung von Innovationsimpulsen und die Hoffnung auf höhere Attraktivität für ausländische Investoren eine Wirkung. Manchmal mag auch der Mangel an Technologie und Fachkräften den Verkauf an ausländische Investoren nahelegen. Wo Land oder Bergbauminen privatisiert wurden, wird die Gesellschaft quasi in doppelter Weise enteignet, weil die Gewinne in der Regel weitgehend ins Ausland transferiert werden. Selbst wenn das Volk eines Tages die Vergesellschaftung der Naturressourcen und Unternehmen erkämpfen sollte, wird eine Restitution nur beschränkt möglich sein.

Anmerkungen

1 Ein 1990 verabschiedetes Wirtschaftsprogramm, das IWF und Weltbank zur Grundlage ihrer Politik gemacht haben.

2 Vgl. Brighton Lubansa und Brenda Mofya: Die Gesundheitsreform in Sambia. In: Ernst Ulrich von Weizsäcker u. a. (Hrsg.): Grenzen der Privatisierung. Hirzel-Verlag, Stuttgart 2006, S. 118–121

3 Joseph Stiglitz: Die Schatten der Globalisierung. Goldmann-Verlag, München 2004, S. 105

4 Vgl. Kate Aronoff: Corona, Klima, Schulden: Die dreifache Krise des globalen Südens. In: Blätter, 06/2020, S. 54

5 Laut Angaben von Medico international, 24.1.2019

6 Judith Fehrenbacher: Entwicklungshilfe als Investitionsobjekt. Ein Feature. In: Deutschlandfunk, 14.11.2017

7 Vgl. Georg Auernheimer: Wie Flüchtlinge gemacht werden. Über Fluchtursachen und Fluchtverursacher. Papyrossa-Verlag, Köln 2018, S. 157

8 Zit. nach Fehrenbacher: Entwicklungshilfe als Investitionsobjekt. a. a. O. Silverlands ist ein britischer Equity-Fonds.

9 Zit. nach ebd.

10 Zit. nach ebd.

Georg Auernheimer: Wie gesellschaftliche Güter zu privatem Reichtum werden. Über Privatisierung und andere Formen der Enteignung. Papyrossa-Verlag, Köln 2021, 190 Seiten, 14,90 Euro

Georg Auernheimer schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 23. Februar über Identitätspolitik.

https://www.jungewelt.de/artikel/398142.wirtschaft-in-afrika-ein-fest-für-konzerne.html