02.03.2021 / Sport / Seite 16

Moralvorsprung

Gabriele Damtew

Die Erwartungen sind haushoch, wenn der Tabellenerste gegen den -zweiten spielt. Die Weichen Richtung Aufstieg könnten nicht nur punktemäßig gestellt werden, sondern auch hinsichtlich der Moral. Zugegeben, keiner der Spieler mag dieses Gedankenspiel, weder vor noch nach dem Match. Denn noch zwölf Spieltage sind zu absolvieren, und alle hüten sich davor, von einer Vorentscheidung zu sprechen. Sie erraten es, liebe Leserinnen, wir reden von der 3. Liga.

Am vergangenen Sonnabend waren Dresden und Ingolstadt in genau dieser Situation. Eine schwierige Lage vor allem für Ingolstadts Kapitän Stefan Kutschke. Der gebürtige Dresdner war 2016 mit den Dynamos aufgestiegen, vor sieben Monaten scheiterte er mit dem FCI in einer bitteren Relegation gegen Nürnberg. Gegen sein ehemaliges Team sei er hochmotiviert, sagte er. Was auch sonst? In der Partie selbst gab es für Kutschke trotz zahlreicher Versuche kein Durchkommen gegen die Dynamo-Verteidiger, ebenso ließ die gegnerische Abwehrkette die Muskeln spielen. Mehr als eine halbe Stunde verging ohne Torchancen. Schließlich stahl sich Ransford Königsdörffer in den Strafraum der Ingolstädter und wurde prompt gelegt. Den Elfer verwandelte Heinz Mörschel. Beide waren auch Protagonisten beim schön herausgespielten 2:0 für Dresden. Doppelpasstor! Diesmal mit Königsdörffer als Schütze. Kurz nach der Pause erfolgte ein starker Antritt von Pascal Sohm, dessen Schuss Ingolstadts Fabijan Buntic noch parierte. Sohms Nachsetzer landete unter freundlicher Beteiligung eines Schanzers im Tor. Selbst der beste Ingolstädter Angriff durch den eingewechselten Fatih Kaya hatte an diesem Tag Rückwärtsdrall: Der Dresdner Joker Luka Stor flitzte mit einem schnell zurückgepassten Ball am herausgelaufenen Buntic vorbei und musste nur noch zum 4:0 einschieben. Das Ergebnis kam in dieser Klarheit unerwartet, aber verdient. Dresden ließ endlich die Vielseitigkeit des Kaders aufblitzen, war konzentriert und pragmatisch. Dynamos hünenhafter Kapitän Sebastian Mai, der nach Sperre wieder mit von der Partie war, schwärmte: »Wir hatten eine riesengeile Ausstrahlung auf dem Platz.« Soviel zur Moral.

Ingolstadt fällt auf den vierten Rang zurück, da die direkten Kontrahenten punkten konnten. Rostock präsentierte sich wieder stabil. Die Hansa glich nach frühem Rückstand bei Viktoria Köln schnell aus und drehte das Spiel in der zweiten Halbzeit (2:1), wobei noch viele Chancen liegen blieben. Auch Wehen Wiesbaden gewann mit einem aus Magdeburger Sicht unglücklichen Tor und liegt jetzt auf Platz drei. Im unteren Teil der Tabelle war es Magdeburgs sechste Niederlage in Folge, die letzten drei unter Neutrainer Christian Titz. Eine Erfolgsserie kann dagegen der bei Köln entlassene neue Duisburg-Coach Pavel Dotchev verbuchen: drei Spiele, drei Siege. Damit verlassen die »Zebras« vielleicht endgültig den Tabellenkeller.

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