01.03.2021 / Feuilleton / Seite 11

Die Narbe von Adua

Vor 125 Jahren verlor erstmals eine europäische Kolonialmacht eine Schlacht in Afrika

Ralf Höller

Ende des 19. Jahrhunderts waren in ganz Afrika nur zwei Länder nicht von einer Kolonialmacht beherrscht: Liberia und Äthiopien. Grund genug für den Manchester Guardian, einen Korrespondenten in letzteres zu schicken. Der Weg vom Roten Meer nach Addis Abeba führte Augustus B. Wylde durch die Provinz Wollo. In der Tasche hatte er eine Einladung des Provinzvizes, Herzog Imma. Als Wylde in dessen Residenz eintraf, war der Gastgeber nicht da. Statt seiner begrüßten ihn fünf Europäer, allesamt hoch erfreut.

Das Quintett bestand aus lauter Italienern: »Alle lobten den Herzog Imma«, erinnert sich Wylde, weil er »ihnen immer so viel zu essen und zu trinken gab, wie sie nur wollten, in höchsten Tönen; sie rauchten einheimischen Tabak aus selbstgebastelten Pfeifen, und ihre Kleidungsstücke waren aus einheimischen Stoffen hergestellt. Einer hatte seinen Helm behalten; die anderen hatten Strohhüte auf, in denen die langen Schwanzfedern der Hähne staken, die sie verspeist hatten, und aus der Anzahl der Federn in den Hüten durfte man schließen, dass sie der Hähnchen allmählich überdrüssig sein mussten«.

Natürlich war der Empfang sorgfältig inszeniert. Imma wollte einem Vertreter des britischen Empire zeigen, dass Äthiopien ein bedeutendes Reich war, das sich sogar europäische Sklaven leisten konnte. Genau das waren die Italiener. Nach der verlorenen Schlacht von Adua am 1. März 1896 waren sie als Kriegsgefangene ins abessinische Hinterland verschleppt worden. Die fünf, die Wylde antraf, hatte der äthiopische Kaiser Menelik II. seinem Herzog überlassen. Imma tauchte dann doch noch auf. Laut Wylde war er ein Mann von fast zwei Metern Größe und zweieinhalb Zentnern Gewicht und versicherte seinem Gast, es sei sein Ziel, die Gefangenen so dick und rund zu machen wie ihn selbst.

Nicht allen italienischen Soldaten erging es so gut. Immerhin überlebten 95 Prozent der Italiener die Gefangenschaft; aber erst ein Jahr später kehrten die letzten von ihnen nach Italien zurück. Es war das erste Mal in der afrikanischen Kolonialgeschichte, dass sich eine komplette Invasorenarmee nach verlorenem Kampf in der Sklaverei wiederfand. Die Schlacht von Adua, bis dahin die größte militärische Auseinandersetzung auf afrikanischem Boden, endete mit der größtmöglichen Demütigung einer europäischen Großmacht. Noch vier Jahrzehnte später ließ der Schriftsteller Gabriele d’Annunzio seinen Bewunderer Benito Mussolini wissen, er spüre immer noch die schändliche Narbe von Adua auf seiner Schulter.

Moderne Waffen

Italien hatte erst spät in den Wettlauf der Kolonialmächte um die Aufteilung Afrikas eingegriffen. Im Februar 1885 besetzten italienische Truppen die Hafenstadt Massaua am Roten Meer und bauten sie zur Kolonie Eritrea aus. Eine weitere Expansion nordwärts verwehrten ihnen die Briten. Im Süden saßen die Franzosen in Dschibuti. Den Italienern stand nur noch der Weg ins Landesinnere offen. In Äthiopien herrschte Kaiser Menelik II., der zuvor in langen Kämpfen die rivalisierenden Königtümer zu einem Zentralreich vereint hatte, das er von der noch im Bau befindlichen Hauptstadt Addis Abeba aus regierte.

Menelik hatte mit den neu in Afrika eingetroffenen Italienern, die ihm als Christ nicht unwillkommen waren, den Vertrag von Wichale (italienisch: Uccialli) geschlossen. Darin sicherten sich beide Parteien Freundschaft zu, interpretierten diese jedoch unterschiedlich. Die italienische Version des Artikels XVII leitete einen Protektoratsanspruch ab, der in Meneliks amharischer Version des Vertrags nur eine Beraterfunktion war. Es kam zu Differenzen. Menelik versuchte, den Vertrag zu kündigen. Als Italien ablehnte und Frankreich seine Vermittlung zurückzog, ordnete Menelik die Generalmobilmachung an. Dies kam einer Kriegserklärung gleich und lieferte Rom einen Vorwand für eine Invasion.

Der Krieg begann mit leichten Siegen für die Italiener. Dennoch operierte ihr Oberbefehlshaber Oreste Baratieri vorsichtig, was Ministerpräsident Francesco Crispi auf den Plan rief: Menelik, der schon zu Konzessionen bereit war, sollte schnellstmöglich zur Anerkennung des Protektorats gezwungen werden. In der Schlacht von Adua, nahe der Grenze zu Eritrea, trafen 20.000 Italiener und afrikanische Hilfssoldaten (Askari) auf die vierfache Übermacht an Verteidigern. Solche Kräfteverhältnisse waren für europäische Invasoren selten ein Problem; fast immer gab die überlegene Bewaffnung den Ausschlag.

Das war auch in Adua so, nur andersrum: Menelik hatte seine Armee im Vorfeld sorgsam aufgerüstet. Den italienischen Kundschaftern war komplett entgangen, dass im Vorfeld Woche für Woche an die hundert Karawanen den Hafen von Dschibuti in Richtung Landesinneres verließen. Durch Waffenkäufe via Frankreich und Russland war nahezu jeder Äthiopier, der bei Adua kämpfte, mit einem modernen Repetiergewehr der Marke Glas, Wetterley, Remington oder Berdan ausgerüstet. Hinzu kamen Dutzende Hotchkiss-Schnellfeuerkanonen und Maxim-Drehgewehre. Die Schlacht dauerte nur einen einzigen Tag, danach waren drei Viertel der italienischen Soldaten und eine große Anzahl Askari gefallen; 470 Italiener wurden verwundet, 1.865 gerieten in Gefangenschaft.

Späte Rache

In Italien reagierte man schockiert, Crispi reichte sofort seinen Rücktritt ein. Menelik wusste genau, wie er eine Kolonialmacht am härtesten treffen konnte: indem er ihre Angehörigen so behandelte, wie diese mit seinen Landsleuten im Falle eines Sieges verfahren wären. Menelik ließ sich seine Hauptstadt Addis Abeba, zu deutsch »Neue Blume«, von seinen Gefangenen zu Ende bauen. Auch im Straßenbau wurden die Italiener eingesetzt, offenbar war ihr seit Römerzeiten guter Ruf in diesem Metier bis nach Äthiopien vorgedrungen.

Unterdessen wurden in Italien alle Anstrengungen unternommen, einen Friedensvertrag mit Menelik abzuschließen. Vor allem musste das Kriegsgefangenenproblem rasch gelöst werden. Italien leistete eine einmalige Aufwandsentschädigung in Höhe von 10 Millionen Lire. Dies entsprach damals dem Gegenwert von 1,6 Millionen US-Dollar und aktuell dem 31fachen.

Nach der Abwehr des italienischen Imperialismus widmete sich Menelik dem Aufbau eines modernen zentralisierten Staatswesens. Dabei halfen ihm die Neuerungen der modernen Technik. Es wurden Telefonverbindungen von Addis Abeba zu allen bedeutenden Provinzstädten gelegt. Der Bau einer Eisenbahnlinie wurde mit Hilfe des seit Jahrzehnten im Land lebenden Schweizer Ingenieurs Alfred Ilg in Angriff genommen, jedoch erst 1917 fertiggestellt. Ein regelmäßiger Postdienst wurde eingerichtet; die früher oft willkürlich erhobenen Steuern stellte Menelik auf eine gesetzliche Basis; in Addis Abeba entstand eine äthiopische Nationalbank; ein rudimentäres Gesundheitswesen wurde ins Leben gerufen und ein mehrzweigiges Schulsystem aufgebaut.

Menelik setzte sein Reformwerk bis etwa 1906 fort, als er einen Schlaganfall erlitt, dem in den Jahren danach weitere folgten. Teilweise gelähmt, beschränkte er sich auf die Regelung seiner Nachfolge. Menelik starb am 12. Dezember 1913. Vier Jahrzehnte sollten vergehen, bis Italien die Narbe von Adua entfernen konnte. Am 3. Oktober 1935 marschierte Mussolinis Armee ohne Kriegserklärung in Äthiopien ein. Die Regierung Haile Selassies protestierte beim Völkerbund, dessen Mitglied Äthiopien seit 1923 war – vergeblich. Die Italiener setzten Giftgas ein und begingen ungeahndet zahlreiche Kriegsverbrechen. Am 6. Mai 1936 rückten die Truppen in Addis Abeba ein. Drei Tage später verkündete Mussolini vor einer begeisterten Menschenmenge in Rom das äthiopisch-italienische Kaiserreich.

https://www.jungewelt.de/artikel/397454.geschichte-die-narbe-von-adua.html