01.03.2021 / Ausland / Seite 7

Rache des Imperiums

Griechischer politischer Gefangener Dimitris Koufontinas wird zum Opfer der herrschenden Familie Mitsotakis und der USA

Hansgeorg Hermann, Chania

Tausende Menschen in Athen und anderen europäischen Städten sind am Sonnabend auf die Straße gegangen, um die Freilassung von Dimitris Koufontinas zu fordern. Nur eineinhalb Jahre hat der rechtskonservative Regierungschef Kyriakos Mitsotakis gebraucht, um aus Griechenland wieder einen autoritären Polizeistaat zu machen. Inzwischen scheut er sich nicht einmal mehr, Recht zu beugen und seine Macht für die Rache an politischen Gegnern zu missbrauchen. Koufontinas, einstiges Mitglied der Stadtguerillaorganisation »17. November« wurde seit dem Wahlsieg der rechten Nea Dimokratia (ND) im Juli 2019 Opfer einer bis ins Gefängnis reichenden Hasskampagne des Premiers und der weitgehend gleichgeschalteten Medien des Landes. Seit 52 Tagen protestiert Koufontinas mit einem Hunger- und zuletzt auch Durststreik gegen illegale Schikanen; sein Arzt sieht den 63jährigen am Rande des Todes.

Koufontinas hatte sich 2002 selbst der Justiz gestellt – ohne sich zu verteidigen oder ehemalige Gefährten zu verraten. Nach 16 Jahren, die er in einem speziell für die Gefangenen des »17. November« eingerichteten unterirdischen Flügel der Athener Strafanstalt Korydallos absaß, hatte die Strafjustiz ihn in ein Gefängnis nahe der Hafenstadt Volos verlegt und ihm von Zeit zu Zeit eng begrenzte Freigänge zugestanden. Mit dem Sieg Mitsotakis’ ging diese kurze Periode sofort zu Ende.

Schon während seiner Wahlkampagne hatte Mitsotakis einen harten Kurs gegen alle einsitzenden »Terroristen« angekündigt. Der »17. November« hatte sich nach dem Tag der blutigen Niederschlagung des Studentenaufstands im Athener Polytechnion im November 1973 durch die damalige Militärdiktatur benannt. Erstes Opfer der antifaschistischen Widerstandsorganisation wurde im Dezember 1975 der für Südosteuropa zuständige CIA-Chefagent Richard Welch. Im September 1989 tötete sie den Politiker und Journalisten Pavlos Bakogiannis, Ehemann von Mitsotakis’ Schwester Theodora und Vater des gegenwärtigen Athener Bürgermeisters Konstantinos Bakogiannis. Der Patriarch der Familie, der im Mai 2017 fast hundertjährig verstorbene ehemalige Ministerpräsident Konstantinos Mitsotakis gilt der militanten Linken auch heute noch als Politiker, der für den Putsch der Obristen im April 1967 zumindest einen Teil der Verantwortung trug.

Weitgehend bekannt ist in der Athener Politik- und Kulturszene, dass die USA durch ihre Botschafter und Geheimdienstler seit Jahrzehnten Druck auf die jeweiligen griechischen Regierungen ausübten und auch jetzt, im Fall des Gefangenen Koufontinas, darauf drängten, den Mann für immer in einem von gesetzeswidrigen Maßnahmen geprägten Strafvollzug verschwinden zu lassen.

Der finale »Erfolg« der gegenwärtigen Schikanen, die Griechenlands höchstes Zivil- und Strafgericht Areopag jüngst selbst durch das von Mitsotakis’ ND-Mehrheit im Dezember verabschiedete, speziell auf Koufontinas zugeschnittene Antiterrorgesetz nicht mehr gedeckt sah, steht nach Angaben des Arztes Theodoros Zdoukos unmittelbar bevor: Der inzwischen in ein Krankenhaus in Lamia verfrachtete Gefangene werde sterben, falls er weiter die Aufnahme von Nahrung und Flüssigkeit verweigere.

In der Efimerida ton Syntakton, einer der wenigen unabhängigen Zeitungen des Landes, meldete sich am vergangenen Freitag Nontas Skyftoulis, Mitglied der Bewegung »Anti­exiousiastiki« (Gegen die Macht), bemerkenswert zu Wort: Als Anarchist schäme er sich, von einer Regierung die Einhaltung der Regeln fordern zu müssen: »Wendet im Fall Koufontinas die Gesetze an.«

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