26.02.2021 / Sport / Seite 16

Gelb, Gas geben!

Coronaampel hin oder her: Die Nordische Ski-WM in Oberstdorf

Gabriel Kuhn

Am vergangenen Sonntag gingen in Cortina d’Ampezzo die 46. Alpinen Skiweltmeisterschaften zu Ende. Drei Tage später wurden die 53. Nordischen Skiweltmeisterschaften im bayerischen Oberstdorf eröffnet. Sie hätten ein Volksfest werden sollen, doch diesen Plänen machte Corona einen Strich durch die Rechnung. Im Wintersportzentrum im Allgäu, das die Nordische Ski-WM nach 1987 und 2005 zum dritten Mal austrägt, herrschen all die Sicherheitsbedingungen, die sportliche Großveranstaltungen inmitten der Pandemie kennzeichnen: abgeriegelte Teamquartiere, FFP-2-Masken und Interviews mit ausziehbaren Mikrofonstangen. Zusätzlich zu den obligatorischen Dopingkontrollen gibt es regelmäßige Coronatests.

Zuschauer wird es bei den Wettbewerben in der südlichsten Gemeinde Deutschlands keine geben. Sie werden durch Pappfiguren ersetzt. Für 19,50 Euro konnten Fans einen der 2.000 zur Verfügung stehenden Plätze für ihr Konterfei ergattern. Sie waren in Windeseile vergriffen. Der Ort macht sich, allen Widrigkeiten zum Trotz, schön. Die Oberstdorfer Gästedirektorin Petra Genster wandte sich in einem Aufruf direkt an die Bevölkerung: »Lasst die Häuser glänzen und erstrahlen!«

Viele Anwohner stellen die Durchführung der WM jedoch in Frage. Die Coronainfektionszahlen im Landkreis Oberallgäu sind hoch, und für die Lokalbevölkerung gelten zahlreiche Restriktionen. Doch es geht um das liebe Geld. 40 Millionen Euro wurden in neue Sportanlagen investiert, der internationale Skiverband FIS will nicht auf seine Fernsehgelder verzichten, und Unternehmen vor Ort sollen von den 4.500 Gästen profitieren, die als Athleten, Betreuer, Funktionäre und Medienvertreter anreisen. Und dann ist da noch der Werbeeffekt für die Marktgemeinde, die vom Tourismus abhängig ist. »Wer oben bleiben will, muss sich präsentieren«, sagt Bürgermeister Klaus King. Der Hotelier Jürnjakob Reisigl, einer der prominentesten Kritiker der WM vor Ort, lässt das nicht gelten. Der Süddeutschen Zeitung gegenüber erklärte er: »Das hat in dieser Form keinen touristischen Werbewert.«

Obwohl die bayerische Coronaampel im Oberallgäu aufgrund eines Sieben-Tage-Inzidentwerts von knapp unter 50 auf Gelb steht, gibt die bayerische Politik für die WM grünes Licht. Die zuständige Landrätin Indra Baier-Müller spricht vom »vielleicht schärfsten Coronahygienekonzept Bayerns«, und ein Sprecher des bayerischen Ministerpräsidenten erklärte, dass man Ende Januar schließlich auch die Rodel-WM in Königssee über die Runden gebracht habe.

Die Alpine Skiweltmeisterschaft war für den Deutschen Skiverband (DSV) ein voller Erfolg. Von vier Medaillen hatte nach den bis zur WM gezeigten Saisonleistungen kaum jemand zu träumen gewagt. Bei der Nordischen Ski-WM sind die Erwartungshaltungen um einiges höher. Zwar wäre eine deutsche Medaille im Langlauf eine Riesensensation, doch im Skisprung und vor allem in der Nordischen Kombination stehen die Chancen gut bis ausgezeichnet.

Die größten Hoffnungen im Skisprung liegen bei den Lokalmatadoren. Der in Oberstdorf geborene Karl Geiger gewann im Dezember das Weltcupspringen auf seiner Heimatschanze. Auch die im Damenweltcup bestplazierte DSV-Athletin Katharina Althaus stammt aus Oberstdorf. Gute Medaillenchancen werden darüber hinaus dem im Herrenweltcup an zweiter Stelle liegenden Markus Eisenbichler eingeräumt. Eisenbichler konnte bei der letzten WM, 2019 in Seefeld, den Titel auf der Großschanze erringen. In den Teamwettbewerben (Herren, Damen und Mixed) sind Medaillen fest eingeplant.

In den Einzelwettbewerben der Herren in der Nordischen Kombination scheinen die Goldmedaillen angesichts der Dominanz des Norwegers Jarl Magnus Riiber außer Reichweite. Für Silber und Bronze kommen jedoch alle deutschen Teilnehmer in Frage. Vinzenz Geiger (SC 1906 Oberstdorf), Fabian Rießle (SZ Breitnau) und Eric Frenzel (SSV Geyer) liegen im Weltcup auf den Rängen zwei, vier und fünf. Außenseiterchancen haben Manuel Faißt (SV Baiersbronn) und Johannes Rydzek (SC 1906 Oberstdorf). Sollte es in den beiden Teamwettbewerben (Staffel, Teamsprint) für keine deutsche Medaille reichen, wäre das fast schon ein Wunder.

Bei den Damen steht der Wettbewerb in der Nordischen Kombination zum ersten Mal im WM-Programm. Große Favoritin ist die US-Amerikanerin ­Tara Geraghty-Moats, eine Pionierin des Sports, die im Dezember 2020 auch den ersten, und bisher einzigen, Weltcupwettbewerb der Frauen für sich entscheiden konnte. Jenny Nowak (SC Sohland), der Juniorenweltmeisterin von 2020, werden Außenseiterchancen eingeräumt. Neu im Programm für die Damen ist auch ein Skisprungwettbewerb von der Großschanze.

Bei der WM in Seefeld 2019 gab es neun Medaillen für den DSV. Zwei Jahre zuvor in Lahti gab es elf, so viele wie noch nie für ein gesamtdeutsches Team. In Lahti wurden 21 Wettbewerbe ausgetragen. Bei der Nordischen Ski-WM im schwedischen Falun 1974 holte die DDR ebenfalls elf Medaillen. Damals fanden ganze zehn Wettbewerbe statt. Ein Rekord für die Ewigkeit.

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