25.02.2021 / Inland / Seite 5

Unterirdisch teuer

Bahnprojekt »Stuttgart 21« soll mit vier Extratunneln »deutschlandtaktfähig« gemacht werden. Mehrkosten von 5,5 Milliarden Euro erwartet

Ralf Wurzbacher

Es gibt nicht wenige Menschen, die meinen, schon ein »Stuttgart 21« wäre eins zu viel. Nun zeichnet sich ab: Das hoffnungslos überteuerte und klimapolitisch desaströse Bahnprojekt gibt es womöglich sogar im Doppelpack – zum doppelten Preis für den Steuerzahler, zum doppelten Schaden für die Umwelt. Natürlich kommunizieren die Verantwortlichen das anders. Sie sprechen lieber von »Ergänzungsprojekten«, die nötig wären, um den sogenannten Deutschlandtakt zu realisieren. Mit diesem »Fahrplan für alle« peilt die Bundesregierung »abgestimmte, schnelle und verlässliche Verbindungen im Nah-, Fern- und Güterverkehr« an, also eine für deutsche Verhältnisse undenkbare Selbstverständlichkeit. Typisch dagegen ist für Deutschland, dass die Umsetzung horrende Kosten verursachen wird.

Nach dem Konzept soll die Fahrzeit zwischen Stuttgart und Mannheim mit dem ICE künftig höchstens 30 Minuten betragen. Weil das auf Basis der »S 21«-Planungen aber nicht hinhaut und sieben Minuten länger dauern würde, will Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) mit einem zehn Kilometer langen Tunnel im Norden von Baden-Württembergs Landeshauptstadt nachhelfen. Da er auch sieben Minuten auf dem Weg nach Zürich herausschlagen will, soll auch der Süden der Stadt kräftig unterhöhlt werden, diesmal sogar auf zwölf Kilometern Länge. Die Idee dazu stammt von Scheuers Staatssekretär Steffen Bilger (CDU), weshalb die »S 21«-Gegner dem Vorhaben den Namen Bilger-Tunnel verpasst haben.

Damit nicht genug. Ein aktuelles Gutachten des Münchner Verkehrsberaters Karlheinz Rößler im Auftrag des »Aktionsbündnisses gegen S 21« führt insgesamt vier Tunnelbauten mit einer Gesamtlänge von 47 Kilometer auf, die als Erweiterung von »Stuttgart 21« auf den Weg gebracht werden sollen. Kommt es so, würde sich das »Stuttgart-21-Tunnellabyrinth auf weltrekordverdächtige 105 Kilometer« erweitern, beklagte die Initiative am Montag in einer Pressemitteilung. Darin wird der Begriff Ergänzungsprojekt als »beschönigend« kritisiert, weil es »nicht um einen Zusatznutzen, sondern um Reparaturversuche an einem planerisch gescheiterten Projekt« gehe, »das eben nicht ›deutschlandtaktfähig‹ ist«.

Kritiker hatten schon früh davor gewarnt, dass der geplante unterirdische Hauptbahnhof zu einem Nadelöhr gerät. Während der bisherige Kopfbahnhof 16 Gleise umfasst, wird sein Nachfolger nur noch über acht Gleise angefahren. Offenbar erscheint das selbst dem baden-württembergischen Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) zu dürftig, weshalb er sich gemeinsam mit dem Verkehrsclub Deutschland (VCD) für die Errichtung eines viergleisigen Bahnhofssatelliten in kurzer Entfernung stark macht. Freilich soll der ebenso unter Tage liegen und nur durch einen zusätzlichen Tunnel erreichbar sein. Eine Art Interimslösung wäre nach Darstellung Rößlers das vierte als »P-Option« bezeichnete Projekt. Die beiden dafür vorgesehenen Röhren von insgesamt 1,6 Kilometern Länge würden »als zwingende Voraussetzung gesehen, um den Nordzulauftunnel überhaupt bauen zu können«, schreibt er in seiner Expertise. In einer Sitzungsvorlage des Verbands Region Stuttgart heißt es dazu: »Durch diese Anbindung (...) an die Nah- und Ferngleise aus Richtung Feuerbach werden die Rahmenbedingungen für eine bauzeitliche Außerbetriebnahme des Tunnels Feuerbach geschaffen. Nur so können dann die Anschlussbauwerke im Tunnel Feuerbach für den neuen Nordzulauf hergestellt werden.«

Noch steht nicht fest, ob und wann die fraglichen Bauvorhaben umgesetzt werden. Als maßgebliche Antreiber taten sich im zurückliegenden Jahr das Bundesverkehrsministerium, die Deutsche Bahn AG sowie im Ländle das Ministerium von Hermann hervor. Während »S 21« nach immer wieder neuen Verzögerungen frühestens 2025 fertiggestellt sein soll, könnte sich der Bau der Zusatztunnel nach Rößlers Schätzung bis ins Jahr 2043 hinziehen. Was die möglichen Kosten betrifft, rechnet er mit mindestens 5,5 Milliarden Euro, bei ungünstiger Preisentwicklung mit »über zehn Milliarden Euro«. Damit sei »eine Verdopplung der Baukosten gegenüber dem ursprünglichen Vorhaben durch die Ergänzungsprojekte nicht auszuschließen«. Der Bundesrechnungshof taxiert die Ausgaben für »S 21« mit rund zehn Milliarden Euro, während dafür offiziell (noch) 8,2 Milliarden Euro veranschlagt werden. Den Ausstoß an Treibhausgasen im Falle der Umsetzung aller vier Projekte beziffert das Gutachten mit 730.000 Tonnen. Damit werde »geradezu Öl ins Feuer der Erderhitzung gegossen«, monierte das Aktionsbündnis.

https://www.jungewelt.de/artikel/397202.finanzdesaster-unterirdisch-teuer.html