25.02.2021 / Kapital & Arbeit / Seite 2

»BER in staatlicher Verantwortung ist der bessere Weg«

Finanzielle Misere des Hauptstadtflughafens auch bei Inbetriebnahme unausweichlich. Ein Gespräch mit Dieter Faulenbach da Costa

Ralf Wurzbacher

Wie der Berliner Tagesspiegel am Dienstag berichtete, gibt es einen neuen Sanierungsplan für den Hauptstadtairport BER. Die Flughafengesellschaft FBB soll demnach ein staatliches Darlehen über 1,1 Milliarden Euro nicht bedienen müssen und obendrein eine Finanzspritze über 800 Millionen Euro erhalten. Reicht das aus, um den BER in die schwarzen Zahlen zu führen?

Das Gesamtgebilde BER leidet im Betrieb an einer Vielzahl von Problemen, angefangen mit der fehlenden Zukunftsfähigkeit am Standort Schönefeld. Dazu kommen die mangelhafte Planung, schlechte Ausführung, fehlende Funktionalität und die mit diesen Defiziten verbundenen Kosten aus der Vergangenheit. All das führt dazu, dass der Flughafen selbst bei gutem Betrieb niemals aus den Miesen herauskommt. Ohne eine Entschuldung wird der BER ein Sanierungsfall bleiben.

Meinen Sie eine Komplettentschuldung? Das würde den Steuerzahler einiges kosten

Ja, man müsste komplett entschulden. Wieviel das kostet, kann ich nicht genau sagen. In den Medien ist zu lesen, die FBB stehe mit mehr als 4,5 Milliarden Euro in der Kreide. Es geht auf jeden Fall um einige Milliarden.

Ende Januar verlautete es noch aus dem FBB-Aufsichtsrat, man brauche mittelfristig über 3,5 Milliarden Euro zum Überleben, und lediglich eine Teilentschuldung werde angestrebt.

Man muss sich doch klarmachen: Der BER hat eine Betriebspflicht und kann nicht einfach stillgelegt werden. Sollte die FBB pleite gehen, muss die Luftverkehrsbehörde trotzdem dafür sorgen, dass der Betrieb weiterläuft. Egal, wie es kommt, es braucht eine funktionierende Betreibergesellschaft – ob in staatlicher oder privater Hand. Beide Varianten setzen zunächst die Entschuldung voraus, teuer wird es so oder so. Ich halte einen BER trotz aller schlechten Erfahrungen in staatlicher Verantwortung für den besseren Weg.

Und eine schuldenfreie FBB wurstelt dann einfach weiter wie bisher?

Natürlich muss es eine neue Strategie geben, um den Flughafen nach der Coronapandemie wirtschaftlich zu betreiben. Ich schlage vor, den Standort für den Premiumverkehr zu entwickeln, also vornehmlich auf Linien-, Ferienflugverkehr und Regierungsflüge zu setzen, und die Billigairlines an umliegende Flughäfen, etwa nach Leipzig oder Neuhardenberg, zu verdrängen. Dann ist der BER für das vorhandene Verkehrsaufkommen in den nächsten zehn bis 15 Jahren ausreichend dimensioniert. Jetzt mehr Geld in den Ausbau zu stecken würde die finanzielle Malaise unendlich verlängern.

Etwa so, wie es FBB-Chef Engelbert Lütke Daldrup mit seinem »Masterplan« vorhat? Er will weitere 2,3 Milliarden Euro investieren, damit der BER in 15 Jahren 55 Millionen Fluggäste abfertigen kann.

Damit tappt er gleich in die nächste Schuldenfalle. Ein neuer Flughafen sollte nach Inbetriebnahme mindestens zehn Jahre ohne weiteren Ausbau betrieben werden. Neue Investitionen sind tödlich. Außerdem ist dieser Standort nicht entwicklungsfähig, weil sich wegen der Nähe der Anlieger aus Lärmschutzgründen eine weitere Start- und Landebahn verbietet. Berlin wächst immer weiter über seine Grenzen hinaus, womit man am Standort Schönefeld schon bald einen innerstädtischen Flughafen haben wird. Der Ausbau lässt sich, wenn überhaupt, nur gegen heftige Widerstände und teure aktive und passive Lärmschutzmaßnahmen durchsetzen.

Schon innerhalb von fünf Monaten nach dem Start machten dem Flughafen diverse Wasserschäden, ein Problem mit Stromstößen an den Gepäckkontrollen und Kälteeinbrüche in der Abfertigungshalle zu schaffen. Hat der BER auch eine materielle Sanierung nötig?

In der Vergangenheit standen der Öffentlichkeit die Haare zu Berge, nun den Mitarbeitern. Ich habe am Tag der Eröffnung in Interviews gesagt, dass Lütke Daldrup alle planerischen und behördlichen Hindernisse beseitigt hat, aber nicht die technischen und funktionalen Probleme. Die jüngsten Vorfälle bestätigen meine schon 2012 geäußerte Empfehlung, den BER, wie ich provokant äußerte, mit einer Dynamitstange zu entkernen und das Gebäude noch mal komplett neu auszubauen. Weil das nicht geschah, schlummern heute unzählige Erblasten in der Bausubstanz, die nach und nach zum Vorschein kommen werden.

Dieter Faulenbach da Costa ist Architekt und Ingenieur. Er war weltweit an der Planung von Flughäfen beteiligt

https://www.jungewelt.de/artikel/397186.milliardengrab-hauptstadtairport-ber-in-staatlicher-verantwortung-ist-der-bessere-weg.html