12.02.2021 / Sport / Seite 16

Wer hat wohl die stärksten Bänder?

Erste Eindrücke von der alpinen Ski-WM im italienischen Cortina d’Ampezzo

Gabriel Kuhn

Am 8. Februar begann die alpine Ski-WM 2021 in Cortina d’Ampezzo. Sie begann so, wie es sich für Sportereignisse in diesen Zeiten gehört: mit Programmverschiebungen. Allerdings nicht wegen Corona, sondern wegen zuviel Schnees. Wem das seltsam vorkommt, der hat entscheidende Entwicklungen im Skisport verpasst. Als es vor der nordischen Ski-WM 2019 im Tiroler Seefeld heftig zu schneien begann, gerieten die Veranstalter in Panik. Ihre Erklärung lautete so: »Naturschnee ist zwar schön, man kann ihn aber nicht formen. Wir müssen hier aber etwas Symmetrisches bauen, dafür eignet sich nun einmal der Kunstschnee.« Symmetrisch muss es im alpinen Skisport nicht sein, aber eisig. Dafür eignen sich Wasser und Chemikalien besser als Naturschnee.

Der Internationale Skiverband FIS ist glücklich, die WM überhaupt durchführen zu können. Anfang des Skiwinters hatte Renndirektor Markus Waldner erklärt, dass die Durchführung der Weltmeisterschaft geradezu lebensnotwendig sei: »Dort wird sehr viel Geld generiert über Marketing- und TV-Rechte.« Dass keine Zuschauer zugelassen sind, nimmt man in Kauf. Das Skifahren sei ein »Fernsehsport«, hatte der Präsident des Österreichischen Skiverbandes, Peter Schröcksnadel, schon zu Beginn der Coronakrise festgestellt.

Es ist die insgesamt vierte alpine Ski-WM in Cortina d’Ampezzo, der »Perle der Dolomiten«, in der bereits im 19. Jahrhundert Luxushotels für begüterte Reisende errichtet worden waren. Eine sticht dabei heraus: Im Februar 1941 trafen sich Athleten aus zehn Nationen, um inmitten des Zweiten Weltkriegs eine WM auszutragen. Die Medaillen gingen ausnahmslos an Vertreter Italiens und des »Deutschen Reiches«. 1946 erklärte die FIS die Weltmeisterschaft nachträglich für ungültig. Immerhin.

Neben Naturschnee und Corona plagen die FIS im Jahr 2021 weitere Sorgen. Die Verletzungsserie reißt nicht ab. Viele Topathleten fehlen in Cortina. Der Vorjahressieger im Gesamtweltcup der Herren, der Norweger ­Aleksander Aamodt Kilde: Kreuzbandriss. Die Topfavoritin auf Abfahrtsgold bei den Damen, die Italienerin Sofia Goggia: Bruch des Schienbeinkopfes. Die Shooting Stars im Herrenriesenslalom, die Norweger Lucas Braathen und Atle Lie McGrath: Seitenbandriss bzw. Bänderzerrung. Nicole Schmidhofer, die österreichische Goldmedaillengewinnerin im Super-G bei der WM 2017: alle Bänder im linken Knie gerissen. Die Liste ließe sich fortsetzen. Material, das immer extremere Radien zulässt, und Pisten, die Eislaufbahnen gleichen, belasten die Gelenke enorm. Bei manchen Athleten macht sich Fatalismus breit. Die österreichische Riesenslalomläuferin Stephanie Brunner riss sich innerhalb von 17 Monaten dreimal das Kreuzband. Als sie Anfang der Saison ihr Comeback feierte, fragte die Tiroler Tageszeitung, ob sie einen weiteren Kreuzbandriss fürchte. Brunners Antwort: »Wenn das Band reißt, dann reißt es eben.«

Man kann fast von Glück sprechen, dass der Wettbewerb, der am 8. Februar hätte stattfinden sollen, einer war, den eigentlich niemand mehr haben will. Die alpine Kombination steht schon seit Jahren auf der Abschussliste, nachdem es kaum noch Athleten gibt, die alle Disziplinen bestreiten, weswegen die Medaillenvergabe vor allem dem Glücksprinzip folgt. Die Verteidiger eines der »traditionsreichsten« Wettbewerbe setzen sich jedoch immer wieder durch. Allerdings zeigen sie sich kompromissbereit. Erstmals wird in diesem Jahr ein Slalom mit einem Super-G kombiniert, nicht mit einer Abfahrt. Damit spart man sich wenigstens die aufwendigen Trainingsläufe auf der Abfahrtsstrecke.

Die alpine Kombination soll nun am kommenden Montag ausgetragen werden. Zu den ersten WM-Rennen kam es gestern, mit dreitägiger Verspätung. Damen und Herren trugen den Super-G aus, die jüngste Einzeldisziplin. 1987 als schnellerer Riesenslalom eingeführt, sollte der Super-G den Abfahrtsläufern zu einem zweiten Standbein verhelfen.

Bei den Damen gewann die Schweizerin Lara Gut-Behrami, die auch die letzten vier Weltcup-Super-Gs für sich hatte entscheiden können. Corinne Suter, ebenfalls aus der Schweiz, holte Silber. Titelverteidigerin Mikaela Shiffrin aus den USA, die aufgrund des Todes ihres Vaters und der Coronakrise ein Jahr lang keinen Super-G bestritten hatte, wurde Dritte. Die einzige deutsche Teilnehmerin, Kira Weidle (SC Starnberg), belegte den 19. Platz.

Deutlich besser lief es für den Deutschen Skiverband bei den Herren. Routinier Romed Baumann (WSV Kiefersfelden), der bis 2019 für Österreich an den Start gegangen war, holte sensationell Silber. Der Sieg ging auch hier an den Favoriten, den Österreicher Vincent Kriechmayr. In einem von zahlreichen Ausfällen geprägten Rennen landete der Franzose Alexis Pinturault auf Rang drei.

Weitere Medaillenchancen für das deutsche Team haben vor allem Linus Strasser im Herrenslalom und Kira Weidle in der Damenabfahrt. Auch in der Lotterie des Teamwettbewerbs, der in Form eines sportlich wertlosen, aber zuschauerfreundlichen Parallelslaloms ausgetragen wird, ist eine Medaille möglich.

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