09.02.2021 / Betrieb & Gewerkschaft / Seite 15

Am Boden bleiben

Europäische Initiative aus Gewerkschaften und Klimabündnissen will Flugverkehr drastisch reduzieren

Gitta Düperthal

Gewerkschaften und Umweltaktivisten wollen den Flugverkehr drastisch reduzieren. Dessen pandemiebedingte Drosselung sollte für den Übergang zu »klimafreundlicher« Mobilität genutzt werden. Dazu bekennen sich das Netzwerk »Stay Grounded« (am Boden bleiben), die britische Gewerkschaft PCS (Public and Commercial Services Union) und die spanische Gewerkschaft CC.OO. (Confederación Sindical de Comisiones Obreras). Ziel der Kampagne sei es, mit Menschen aus der Klimagerechtigkeitsbewegung, dem Luftfahrtsektor, Gewerkschaften, Wissenschaft und indigenen Gruppen die Ausarbeitung von Übergangsplänen für Länder, Werktätige und Unternehmen anzustoßen. Die Initiatoren fordern, die Praxis staatlicher Zuschüsse und von Steuerprivilegien für die Luftfahrtindustrie zu beenden. Es müsse eine Vielfliegerabgabe her, und Flughäfen sollten abgebaut werden. Etwaige Rettungspakete müssten direkt an die Finanzierung eines sozialen und ökologischen Übergangs gebunden sein.

Nach der Pandemie dürfe die Industrie nicht wieder hochgefahren werden, so die Sprecherin von »Stay Grounded«, Magdalena Heuwieser, am Freitag gegenüber jW. In abgeschnittene Gebiete und für Notfälle müsse nach wie vor geflogen, der Tourismus aber verändert werden. Es gehe um eine Entschleunigung. Statt Flugzeuge sollten künftig eher Güter wie Beatmungsgeräte, Windturbinen oder Züge hergestellt werden. Dabei müssten die Veränderungen im Flugverkehr Teil einer umfassenden gesellschaftlichen Transformation sein, welche neue Arten des Reisens, der Arbeit, der Produktion und des Handels vorsehe. Nicht der Profit dürfe an erster Stelle stehen, sondern die Sorge um Mensch und Natur, heißt es im gemeinsamen Diskussionspapier von »Stay Grounded« und der PCS.

Für einen so umfassenden Wandel sei die Gesellschaft noch nicht bereit, sagte Dennis Dacke, Verdi-Gewerkschaftssekretär für Luftfahrt, am Freitag auf Nachfrage von jW. Der »Faktor Pax«, wie die Fluggäste intern genannt werden, mache das nicht mit. »Rail und Fly«-Angebote würden kaum angenommen, Buchungszahlen stiegen aktuell wieder an. Dacke finde die Initiative spannend, aber zu radikal. Zwar sei jetzt der Zeitpunkt, den Betrieb umzugestalten, die Zukunftsvision von Verdi sei aber ein anderer Luftverkehr, »wirtschaftlicher, ökologischer und sozialer«. Tickets müssten teurer werden, damit es keinen Sinn ergebe, »nur für eine Party nach Mallorca zu fliegen«. Mit der Verdrängung durch Billigflieger und Flughäfen wie Hahn im Hunsrück, die erstere bedienten, sei das nicht möglich. Eine Häufung von Airports auf engem Raum, wie »Paderborn, Münster und Dortmund«, müsse es nicht geben. Die rücksichtslose Liberalisierung im Luftverkehr vergangener Jahre müsse man zurückdrehen, so sei auch die Ausbeutung der Beschäftigten, etwa des Sicherheitspersonals, zu verhindern. Von einer nahezu kompletten Verlegung der Personenbeförderung auf die Schiene hält er nichts.

Den drohenden Klimakollaps zu ignorieren, das sei wirtschaftlich der unsicherste Weg, warnte indes Heuwieser. Wer jetzt noch versuche, zu bisherigen Geschäftsmodellen und dem Wachstumskurs zurückzukehren, müsse sich später auf einen noch größeren Absturz einstellen. Ein kontrollierter Rückbau von Flughäfen, Fluglinien, ein starker Sozialschutz und die Schaffung von nachhaltigen Arbeitsplätzen müsse jetzt erfolgen. Unterschiedliche Meinungen gibt es, wie ein Übergang zu bewältigen ist: »Stay Grounded« und die PCS plädieren für »lokale, nationale, und transnationale Fonds«, die auf Beteiligung von Stakeholdern wie etwa Beschäftigten, Gewerkschaften, Klimagerechtigkeitsaktiven und vom »Tourismus abhängigen Gemeinschaften« beruhen.

Dacke lehnt das Stakeholder-Modell ab. Es gehe »an die Eigentumsverhältnisse der Luftverkehrsgesellschaften« und klinge nach Enteignung. Die öffentliche Hand als Betreiber und Eigentümer der Infrastruktur der Flugindustrie könne er sich dagegen gut vorstellen.

https://www.jungewelt.de/artikel/396119.klimawandel-am-boden-bleiben.html