14.01.2021 / Schwerpunkt / Seite 3

Kleine Brötchen backen

Neue US-Regierung wird versuchen, Russlands neuen Einfluss im Südkaukasus zu hintertreiben – mit deutscher Hilfe?

Reinhard Lauterbach

Thomas de Waal ist nicht irgendein Autor. Der Brite ist einer der besten Regionalspezialisten, wenn es um den Südkaukasus geht. Sein Buch »Black Garden« (2003) zur Geschichte des Karabach-Konflikts gilt als Standardwerk. Derzeit arbeitet er bei der europäischen Niederlassung der US-amerikanischen Carnegie-Stiftung. Der aktuelle Direktor dieser Stiftung, William Burns, ist von der künftigen US-Regierung als CIA-Chef vorgesehen. Das heißt: Was de Waal öffentlich sagt, ist mehr als die Privatmeinung eines Gelehrten. Er steckt mittendrin im Netzwerk zwischen Wissenschaft, Politikberatung und US-Geheimdiensten.

Im Dezember äußerte er sich im US-Propagandasender Radio Liberty über die geopolitischen Konsequenzen der im November unter russischer Vermittlung erzielten Waffenruhe. Sein nüchternes Fazit: Russland habe im Moment im Südkaukasus die Fäden in der Hand. Im Grunde brauche es Armenien schon gar nicht mehr, weil es mit seiner Friedenstruppe in Berg-Karabach diese einst autonome Region faktisch zu einem russischen Protektorat gemacht habe. Das deckt sich mit Einschätzungen, zu denen schon 2019 die unter anderem vom US-Verteidigungsministerium finanzierte Denkfabrik Rand Corporation in einer Studie gekommen war, wie man Russland »überdehnen und aus dem Gleichgewicht bringen« könne: Im Südkaukasus wäre das für die USA »aus logistischen Gründen schwierig«.

De Waal ging vor dem Hintergrund der Schwächung des US-Einflusses im Südkaukasus auf die Suche nach neuen Gesichtern. Vorstöße der USA zu einer Neuregelung des Status von Berg-Karabach bedürften leider der Zustimmung der unmittelbaren Konfliktparteien. Bisherige Formate wie die »Minsker Gruppe« der OSZE, in deren Rahmen die USA und Frankreich gemeinsam mit Russland den Karabach-Konflikt in den vergangenen Jahrzehnten betreut hätten, seien praktisch aus dem Spiel. Denn Frankreich habe sich durch sein Engagement für Armenien während des Krieges als Vermittler in den Augen von Aserbaidschan unglaubwürdig gemacht. Benötigt würde jetzt eine andere westliche Macht, die bisher eher unauffällig gewesen ist, zum Beispiel Deutschland.

Es sollte sich also niemand wundern, wenn in den kommenden Monaten in der hiesigen Öffentlichkeit »Defizite deutschen Engagements« im Südkaukasus beklagt werden. Die Grünen dürften wieder einmal vorne dran sein. Die ihr nahestehende Heinrich-Böll-Stiftung trat schon vor Jahren als Sponsor eines knapp 700 Seiten starken Wälzers der Fachzeitschrift Osteuropa über die Region in Erscheinung.

Das letzte Mal hatte Deutschland 1918 nach dem Untergang des Zarenreichs versucht, die Länder der Region dem Einfluss Sowjetrusslands zu entziehen. Es fungierte als Geburtshelfer der »Demokratischen Republik Georgien«, die von 1918 bis 1921 bestand. In beiden Weltkriegen rekrutierte die deutsche Armee georgische Deserteure als Hilfstruppen. In beiden Fällen ohne großen militärischen Erfolg. Das Ansehen der Deutschen in Armenien dürfte sich allerdings in Grenzen halten: In einer Nation, die nach wie vor im Schatten des von der Türkei begangenen Völkermords während des Ersten Weltkriegs lebt, ist nicht vergessen, dass die damalige Reichsleitung diesen Genozid trotz präziser Informationen von deutschen Offizieren und Geistlichen geschehen ließ, um den türkischen Verbündeten nicht zu verprellen.

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