12.12.2020 / Feuilleton / Seite 10

»Träum weiter, du Oasch!«

Achtung, aggressiv: Andreas Niedermanns neuer Kriminalroman mit der handfesten Isa Blumberg

Franz Dobler

Kein Wunder, dass Frau Isa Blumberg irgendwann so aggressiv wurde, dass ihr einer dieser bescheuerten Drecksrichterverbrecher eine Antiaggressionstherapie verpassen zu müssen glaubte: Ihr Mann war Kriegsberichterstatter und wurde getötet, aus ihrem Sohn wurde ein Pfarrer, sie selbst fliegt gerne schnell aus dem Job, weil sie nicht kuschen kann, auch wenn sie die Mäuse dringend bräuchte, und sie hat sich eines schönen Tages entschlossen, lieber lesbisch zu sein, obwohl ihr viele Frauen nicht weniger auf den Keks gehen als die meisten Männer.

Wenn man der Wiener Frau für ­alle Fälle »frohe Weihnachten« wünscht, antwortet sie garantiert so was wie »träum weiter, du Oasch«. Und das hätte dann nichts mit dem kommenden Virenchristkind zu tun.

Im zweiten Roman mit ihr in der Hauptrolle wird sie schon auf Seite zwölf genau charakterisiert: »Der Streifenwagen, den Isa Blumberg jetzt erst entdeckte, stand arschlings auf der Kreuzung, mit angeberischer Schlampigkeit abgestellt. Es war kurz nach sieben Uhr morgens, und Isa stand am Fenster, geweckt durch das Gebrüll des Schizophrenen, der mit eruptiver Verzweiflung gegen die Stimmen in seinem Kopf anschrie (…) Es machte sie aggressiv, obschon sie ahnte, wie sehr der Mann unter den niemals schweigenden Stimmen in seinem Kopf leiden musste. Trotzdem, Mann, nimm deine verdammten Medikamente! Oder schließ wenigstens das Fenster!«

Mein alter Freund Andreas Niedermann, ein Schweizer in Wien, hat auf seinen Stapel Werke, an dem er seit seinem Debüt »Sauser« bei Edition Nautilus 1986 baut, einen weiteren Kriminalroman draufgelegt: »Blumberg 2 – Die Wachswalze«. Falls jemand wie ich die Nase voll hat von Superstars, Schwindel, Überheblichkeit, schwafelnder Kunstfertigkeit und pseudomystischen Schweinereien, dann ist dieser Roman ein empfehlenswertes Gegengift.

Dieses vollkommen klare Urteil habe ich mir von einem der berühmtesten Musikkritiker aller Zeiten besorgt*, weil ich in dem Moment, als ich es las, an den neuen Niedermann-Roman denken musste und erkannte: Genau so ist es. Und was auch bei tollen Fortsetzungen selten vorkommt: Ich klappte »Blumberg 2« zu und fing sofort an, den Roman »Blumberg« wieder zu lesen; nicht, weil ich ihn nicht kapiert hätte (behaupte ich mal), sondern weil ich Lust hatte, diesen Style sofort weiterzulesen und dabei tausend Details und Formulierungen wiederzuentdecken. Bei guten Kriminalromanen ist es mir völlig egal, ob ich den Plot kenne, denn der wahre Plot ist immer nur, dass sie gut geschrieben sind und den Denkapparat hochjagen.

Außerdem kann ich von den interessantesten Frauen, die es seit Jahren in einen Männerroman geschafft haben, nicht genug kriegen, ich geb’s zu. Das hat nichts mit irren Sexszenen zu tun – wie sich Niedermann auch nicht diesen Blutorgien hingibt, die bekanntlich in der Regel von so unterbelichteten wie unterbeschäftigten Hausmännern und Hausfrauen ausgedacht und von ebenso naiven Lektorinnen und Lektoren durchgewunken werden. Als literarischer Sicherheitsfanatiker muss ich hinzufügen, dass Niedermanns Kriminalromane mit der Flut von bescheuerten Heimatkrimis und ähnlichen Verbrechen, die irgendwie geahndet werden sollten, nichts zu tun haben.

Man muss nicht den ersten Roman mit der 50-plus-Wienerin Blumberg, die man für Security- und spezielle Aufträge kaufen kann, gelesen haben, um in »Blumberg 2« rein- und mitzukommen. Zum Glück wird sie auch in der Fortsetzung a) von der türkischen Taxifahrerin Düzen begleitet, verfolgt und genervt, und sie hat b) weiterhin die Intelligenz der erfahrenen Einzelgängerin, die sich alle Illusionen über das Gute im Menschen längst abgeschminkt hat. Dabei hat sie schon noch ein ganz gutes Herz – aber denen, die ihr dumm kommen, würde sie halt am liebsten einen Tritt verpassen und schafft es nicht immer, rechtzeitig an die guten Ratschläge ihres Therapeuten zu denken.

Und worum’s überhaupt geht? Um »eine hundert Jahre zurückliegende Geschichte von Obsession, Verrat und Mord« in den Schweizer Bergen, in denen für Blumberg mehr Schnee liegt als am Tor zur Hölle. Und ich werde den Teufel tun und hier erklären, was eine Wachswalze ist. Soviel kann ich verraten: Der Schein trügt.

* Zitiert mit zwei minimalen Änderungen: John Peel über Kevin Coyne, vgl. »The crazy World of Kevin Coyne«, S. 42, Starfruit Publications, 2020

Andreas Niedermann: Blumberg 2 – Die Wachswalze. Edition Baes, Zierl 2020, 300 Seiten, 20 Euro

Ders.: Blumberg. Songdog-Verlag, Wien 2018, 314 Seiten, 20 Euro

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