13.10.2020 / Schwerpunkt / Seite 3

Kranke in der Warteschleife

Zuwenig Personal: Erste Kliniken wollen erneut Operationen verschieben. Warnung vor massenhaften Klinikpleiten

Susan Bonath

Die Zahl der Covid-19-Patienten in Kliniken steigt. Am Sonntag mussten laut Deutschem Intensivregister (DIVI) 545 Menschen mit der Erkrankung intensivmedizinisch betreut werden, insgesamt waren knapp 21.000 Betten belegt, mehr als 9.000 waren als frei gemeldet. Bedrohlich erscheint die Situation nicht. Dennoch hat die Berliner Charité vor, erneut »planbare Eingriffe« für eine unbekannte Zeit zu verschieben. »Wir müssen versuchen, die Intensivbetten für Covid-19-Patienten freizubekommen«, sagte Ulrich Frei vom Charité-Vorstand vergangenen Freitag gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Frei räumte ein, dies führe freilich »zu schwierigen ethischen Fragen, etwa im Umgang mit Herz- und Tumorkranken«. Und tatsächlich sei man noch immer dabei, hinausgezögerte Eingriffe vom Beginn der Coronapandemie im Frühjahr nachzuholen. Deutlich wird zudem: Es liegt offenbar weniger an den Kapazitäten als an dem seit Jahren bestehenden Dauerproblem eines drastischen Personalmangels. Und das, so Frei, verschärfe sich, wenn Beschäftigte positiv getestet würden. Sie hätten ein erhöhtes Risiko, und dann müssten sie und ihre Kontaktpersonen in die Quarantäne.

Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters berichtete auch Jürgen Graf, ärztlicher Direktor der Frankfurter Uniklinik, von besonders vielen Positivtests bei medizinischem Personal in den letzten beiden Wochen. Er hält es ebenfalls für notwendig, erneut Eingriffe zu verschieben, um Kapazitäten bereithalten zu können. Es drohe vor allem ein Mangel an Fachkräften. Berlins Bürgermeister Michael Müller pflichtete dem bei. Bei den Gesundheitsämtern sei das nicht anders, betonte er. »Allein in Berlin sind 200 Stellen nicht besetzt.« Müller appellierte an den Bund, insbesondere die Großstädte mit Beschäftigten zu versorgen. Dort steige die Zahl der positiv Getesteten am stärksten an.

Die Coronapandemie mache die seit langem bestehende prekäre Situation des Gesundheitswesens sichtbarer, hatte vor einer Woche die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) gemahnt. Deren Präsident Gerald Gaß äußerte sich in einer Pressemitteilung vom 6. Oktober warnend: »Die schon zuvor extrem angespannte wirtschaftliche Lage vieler Häuser wird sich spätestens 2022 zu einer Insolvenzwelle ausdehnen«, ist er sicher. Dies habe eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung verdeutlicht.

»Wir müssen diskutieren«, so Gaß, »wie wir die Daseinsvorsorge langfristig gesichert finanzieren können.« Denn werde die drohende Pleitewelle nicht gestoppt, habe dies schwerwiegende Folgen für die Bevölkerung vor Ort. »Wie es mit unserer Kliniklandschaft weitergeht, darf nicht durch Insolvenzen entschieden werden«, sagte er. Dies sei eine politische Frage. Es sei dringend nötig, Investitionen und Vorhaltekapazitäten für Notfälle ausreichend zu finanzieren.

Die Missstände in den Krankenhäusern sind nicht erst seit gestern bekannt. Vor allem in der Wintersaison berichteten Medien immer wieder von Engpässen. Patienten mussten abgewiesen und in weiter entfernte Kliniken transportiert werden. Unrentable Einrichtungen wie Kreißsäle, Frauen- und Kinderstationen wurden geschlossen, andere Bereiche ausgegliedert. Zum letzten Jahreswechsel verhängte etwa die Kinderkrebsstation der Berliner Charité einen Aufnahmestopp wegen akuten Personalnotstands. Im Februar dieses Jahres fand der NDR mittels einer Datenanalyse heraus, dass norddeutsche Intensivstationen immer stärker überlastet seien und Betten sperren oder abbauen müssten. Noch kurz bevor die Bundesregierung eine »epidemische Lage von nationaler Tragweite« ausrief, konnten in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern zwei Drittel der Kliniken keine Schwerkranken mehr aufnehmen.

Die Sparmaßnahmen profitorientierter privater Klinikbetreiber werden am Beispiel Ameos deutlich. In mehreren Kliniken in Sachsen-Anhalt hatte der Konzern Labor und Küche an externe Firmen ausgelagert und die Geburten- und Kinderstationen dichtgemacht. Bei einem Streik zu Jahresbeginn berichteten Beschäftigte jW von »belastenden und unzumutbaren Arbeitsbedingungen«. So seien etwa 24-Stunden-Bereitschaftsdienste Alltag gewesen, in denen die Beschäftigten manchmal die gesamte Zeit am Operationstisch stehen mussten. Nachts waren demnach oft nur ein oder zwei Pflegekräfte für zwei Stationen zuständig. Der Betreiber Ameos hatte sich jahrelang einem Tarifvertrag verweigert, einen Teil des Pflegepersonals über eine externe Firma beschäftigt und viele mit miserablen Gehältern abgespeist.

Ob es erneut einen bundesweiten »OP-Lockdown« wie im Frühjahr geben wird, ist ungewiss. Auf Anordnung von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatten Kliniken zwischen Mitte März und Mai bis zu 1,6 Millionen Eingriffe verschoben, um Betten für Coronapatienten freizuhalten. Die DKG warnte im Mai vor »verschleppten, nicht mehr korrigierbaren Schäden«. Auf den Intensivstationen lagen damals maximal rund 3.000 positiv getestete Schwerkranke. Viele Kliniken meldeten wegen geringer Auslastung Kurzarbeit an.

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