19.09.2020 / Ausland / Seite 8

»Gesellschaft hatte sich daran gewöhnt, uns auszubeuten«

In Peru erkämpfen gewerkschaftlich organisierte Hausangestellte erfolgreich ihre Rechte. Ein Gespräch mit Leddy Mozombite

Carmela Negrete

In Peru gibt es ein neues Gesetz, das die Rechte von Hausangestellten stärkt. Was hat sich dadurch verändert?

Das ist ein historischer Sieg für uns, denn nun wird unsere Arbeit und unser Beitrag zur Wirtschaft und Entwicklung Perus anerkannt. Bisher waren wir praktisch unsichtbar und wurden rücksichtslos ausgebeutet. Wir bekommen jetzt grundlegende Rechte wie das auf einen schriftlichen Arbeitsvertrag, eine Krankenversicherung oder Anspruch auf eine Rente. Das neue Gesetz regelt die Arbeitszeit ebenso wie den Zugang zu Weiterbildungen sowie zur Eltern- und Urlaubszeit. Wir dürfen jetzt auch in einer Gewerkschaft organisiert sein. Zudem müssen sich Auftraggeber an den Mindestlohn halten.

Wie war bisher Ihre Arbeitssituation?

Wir hatten eine diskriminierende Gesetzeslage, die rund 500.000 Arbeiterinnen benachteiligte. Rund 96 Prozent hatten keinen ­Arbeitsvertrag und das war völlig legal. Die meisten von uns sind alleinstehende Mütter. Die Gesellschaft hatte sich daran gewöhnt, uns als Rechtlose ­auszubeuten. Das war nicht leicht zu ändern. Es ist ein kultureller Kampf.

Mit welchen Strategien haben Sie sich organisiert?

Wir wollten keine Demonstrationen führen, weil wir eine direkte Konfrontation mit den Sicherheitskräften vermeiden wollten. Wir haben uns oft an den Sonntagen, wenn die Haushälterinnen traditionell frei haben, auf Plätze gestellt und sie dort informiert, denn es gibt keine feste Arbeitsstätte, jede arbeitet in einer Privatwohnung. Manchmal haben wir beispielsweise kostenlose Dienstleistungen wie Gesundheitschecks oder Haareschneiden in unseren Zelten angeboten. Wir verschenkten kleine Sachen wie Stifte, Hefte oder T-Shirts für ihre Kinder. So konnten wir mit vielen Frauen ins Gespräch kommen, die betroffen waren. Wir sprechen über unsere Erfahrungen und sagen: So, wie die Kapitalisten sich organisieren, müssen wir uns als Arbeiterklasse auch zusammentun und unsere Rechte einfordern. Wir haben auch viele Frauen besucht, denn die meisten wohnen bei ihren Auftraggebern. Wir sprachen zudem in Einkaufszentren die Arbeitgeber auf die Rechte ihrer Hausangestellten an. Zudem haben wir Straßenumzüge mit Theater und Musik organisiert. Wir sind auch auf Probleme wie den Machismus gestoßen: Einige Ehemänner halten es nicht für angebracht, dass Frauen sich organisieren. Wir sind dennoch rund 3.500 Frauen, die sich gewerkschaftlich zusammengeschlossen haben.

Seitens der politischen Rechten heißt es, dass mit dem neuen Gesetz viele Hausangestellte ihre Jobs verlieren werden, weil es für die Chefs viel zu teuer wird. Was entgegnen Sie?

Alle wissen, dass das eine große Lüge ist. Das einzig neue ist, dass wir jetzt unsere Rechte haben. Viele sagen, dass es nun viel Schwarzarbeit geben wird. Wirklich? Mit mehr als 90 Prozent von uns ohne Arbeitsvertrag sind wir schon heute im Grunde Teil der inoffiziellen Wirtschaft.

Alle Veränderungen sind Revolutionen. Und wenn ich darüber spreche, verschrecke ich viele. Aber viele Arbeitgeber waren zu bequem, in einer Art Komfortzone, und sehen es als normal an, eine Arbeiterin ohne Rechte zu haben, die zu viele undokumentierte Überstunden macht. Muss denn jeder in Peru Hausangestellte haben? Das ergibt keinen Sinn. Es müssen nur diejenigen sein, die sich das leisten können. Von dem Moment an, in dem wir in einem Haushalt arbeiten, sind wir Arbeiterinnen, und der Arbeitgeber muss bestimmte Konditionen garantieren.

Sie haben uns auch vorgeworfen, uns ausgerechnet mitten in der Coronapandemie organisiert zu haben. Gibt es denn einen besonderen Moment, um seine Rechte zu fordern? Für die Kapitalisten gibt es den nicht. In keinem Moment wollen sie uns unsere Grundrechte gewähren. Wir Arbeiterinnen und Arbeiter müssen unsere Rechte erkämpfen. Und wir lassen uns nicht einschüchtern.

Leddy Mozombite ist Generalsekretärin der Nationalen Föderation der Hausangestellten in Peru

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