17.09.2020 / Feuilleton / Seite 11

Strafträume im TV-Zimmer

Eine psychoanalytische Annäherung an die Marvel-Comicverfilmung »X-Men: The New Mutants«

Peer Schmitt

Sigmund Freud, Die Traumdeutung (Kap. VII. E. Der Primär- und der Sekundärvorgang – Die Verdrängung). (1900):

»Die Traumgedanken beschäftigen sich nur mit dem, was uns wichtig scheint und uns mächtig interessiert. Der Traum gibt sich nie mit Kleinigkeiten ab. Aber auch das Gegenteil haben wir gelten lassen, dass der Traum die gleichgültigen Abfälle des Tages aufklaubt und sich eines großen Tagesinteresses nicht eher bemächtigen kann, als bis es sich der Wacharbeit einigermaßen entzogen hat.«

Schlafen, Wachen. Stell dir vor, du erwachst aus einem Angsttraum, in dem ein Sturm getobt hat wie ein großer wilder Bär, der nicht mehr allein von Abfällen leben will, und findest dich in einem kahlen Raum mit verschlossener Tür und vergittertem Fenster mit einer Handschelle an ein Krankenhausbett gefesselt wieder.

Du schleppst dich mit dem Bett an der Fessel zum Fenster und blickst auf einen dräuenden Kirchturm. Fehlen nur noch die Fledermäuse, aber die sind ja aus einem anderen Film. Von der Konkurrenz irgendwo.

Vielleicht ist es ein schlechter Scherz, so matt sieht das alles aus, da kann man doch keine schöne Jugend verlebt haben. In diesem verschlagenen Krankenzimmer ist der Angsttraum der vergangenen Nacht wohl zu einem Straftraum des Wachlebens geworden.

Du bist Danielle Moonstar (gespielt von Blu Hunt). Du stammst aus einem Reservat der Cheyenne und erinnerst dich vage an den Sturm, einen großen ausgehöhlten Baumstamm, an einen großen wütenden Bären und die beruhigende Stimme des Vaters (»Es wird schon werden, Kleines«). Und über Nacht befindest du dich in einem Knast mit Kirchturm, ans Bett gefesselt in einer Art Anstalt, und wartest auf die Frau im weißen Kittel – Wärterin, Wächterin, Ärztin, Therapeutin, alles in einem (Alice Braga).

Das alles scheint unvermeidlich, denn du spielst die Hauptrolle in »X-Men: The New Mutants«, einem Film von Josh Boone, obwohl du noch nicht weißt, zu was genau du befähigt bist, und erst recht nicht, was es bedeutet (sicher ist nur, dass es etwas bedeuten wird). Du bist ein Ausnahmefall, ein New Mutant, du stehst unter Beobachtung, sagt die Frau im weißen Kittel, unter Umständen bist du eine Gefahr für dich selbst und andere. Man beobachtet dich.

Jacques Lacan, Das Seminar III – Die Psychosen (Sitzung vom 22.11.1955):

»Da ist also ein Subjekt, für das die Welt eine Bedeutung anzunehmen begonnen hat. Was heißt das? Es wird seit einiger Zeit von Phänomenen heimgesucht, (…) Wenn Sie es befragen, werden Sie bemerken, dass es Punkte gibt, die geheimnisvoll bleiben für es selbst, und andere, über die es sich ausspricht (…) Was sagt letzten Endes das Subjekt, vor allem während einer gewissen Periode seines Wahns? Es sagt, dass da Bedeutung ist. Welche, das weiß es nicht, aber sie tritt in den Vordergrund, sie drängt sich auf, und für das Subjekt ist sie völlig verstehbar. Und eben weil sie sich auf der Ebene des Verstehens situiert als ein unverständliches Phänomen, ist die Paranoia für uns so schwer zu erfassen.«

Wenn die Welt im Wachleben gewisse (geheimnisvolle) Bedeutungen annimmt wie für andere im Traum, dann beginnt sie verrückt zu werden, zu unverständlichen Phänomenen. Von diesen werden die New Mutants zum einen heimgesucht, zum anderen sind sie auch Exempla solcher unverständlichen Phänomene selbst. Man sperrt sie ein und beobachtet, um die Bedeutung als das schlechthin Unverständliche zu vernehmen.

Da ist also Danielle Moonstar, ein Teenager, der damit begonnen hat, Heimsuchungen wahrzunehmen. Heimsuchung bedeutet, dass die Träume Wirklichkeit werden, und die Wirklichkeit ist immer eine Strafe. Da sind noch vier andere Teenager, im wesentlichen Verwandlungskünstler der alten Schule – menschliche Fackeln oder Werwölfe. Zusammen mit der Heimgesuchten sind sie in einer Anstalt unter Beobachtung weggesperrt. Sie alle haben während ihrer noch jungen Mutantenkarriere – willentlich oder unwillentlich – Katastrophen und Todesfälle verursacht. Sie ergeben eine kosmopolitische Gruppe – ein brasilianischer Milliardärssohn und ein Bergabeitersohn aus Kentucky, eine blonde Russin mit Springerstiefeln und eine irisch-katholische Werwölfin mit dem roten Brandmal der Hexe auf der nackten Haut. Man mag von so was schon mal gehört haben.

Die Strafanstalt ist der Ort eines romantischen Disziplinarregimes: Hospital, Kerkerkeller, Dachboden des Schullandheims, Schlosskapelle, Therapiezimmer und TV-Zimmer. Letzteres ist zentral. Denn während die Comicvorlage der »New Mutants« ein kratziges Kind der Postpunk-80er war, ist die Filmversion in die Trotzkopfgeneration X der 90er versetzt.

Im Fernsehraum laufen unablässig Folgen der Serie »Buffy – The Vampire Slayer«, die die »gotischen« Körper aus dem 19. Jahrhundert bereits in die Welt der Alltagsprobleme und der Schulprüfungen delinquenter anomaler Teenager überführt hatte. (Während Freud seine Begriffe wählte, als man das Jahr 1900 schrieb und das »gotische« Zeitalter der Werwölfe, Vampire und Katzenmenschen, der Kirchtürme, Kerker und Dachböden, der Heimstätten heimtückischer Geister noch beinahe Gegenwart war.)

»X-Men: The New Mutants« folgt dem Beispiel, will etwas Vergangenes, Verdrängtes in die Gegenwart schmuggeln, und täuscht dabei vor, etwas Neues, eine neue Serie, zu beginnen, während der Zug längst abgefahren ist.

Der Film lag tatsächlich seit 2017 bei Marvel auf Halde und kommt jetzt gleichsam als Abfallbeseitigung heraus. Tatsächlich handelt er von der Rückkehr des Verdrängten und seiner eigenen Beseitigung. Das letzte schaurige Aufflackern der X-Men-Filme aus dem Hause der 20th Century Fox. Die ganz jungen Mutanten sind zugleich auch die letzten Mutanten. Im August stellte Disney die Marke 20th Century Fox offiziell ein. Die berüchtigte Fanfare aus dem Intro, mit seinem von Scheinwerfern bestrahlten dreidimensionalen Art-Deco-Logo, wird von nun an nur noch museal erklingen können. Und so stehen die jungen, die neuen Mutanten am Ende vor den Trümmern ihrer Strafanstalt, haben die Heimsuchung anscheinend beseitigt, aber wissen nicht mehr so recht, wo sie hin sollen.

»X-Men: The New Mutants«, Regie: Josh Boone, USA 2017, 94 Minuten, bereits angelaufen

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