17.09.2020 / Feuilleton / Seite 10

Trockene Landschaft mit Pferden

Im lockeren Erzählreigen: Mit »Cowboygräber« sendet Roberto Bolaño einen Gruß aus dem Totenreich

Frank Willmann

Die treue Fangemeinde des Schriftstellers Roberto Bolaño (1953–2003), Verfasser des legendären Romans »2666« (2004, dt. 2009), ist uneins, was sie von der Fülle der aus dem Nachlass gezauberten Bücher halten soll. Hat mich die vorletzte Entdeckung »Monsieur Pain« (2019) voll Entrüstung zurückgelassen, so waren mir die »Cowboygräber« fettes Labsal in meinem traurigen Lesealltag ohne den Meister. Fragt mich nicht, ob die Texte von ihm stammen oder der Nachlassverwalter über ein Textprogramm verfügt, das »bolaneske« Zauberwerke ausspuckt … Ich fand die drei Erzählungen großartig und habe nach der Lektüre viele Stunden um das Buch getanzt.

»›Du hast gekündigt, aber was willst du statt dessen machen?‹ fragte mein Vater. ›Die Revolution‹, sagte ich. ›Welche Revolution denn?‹« 1973 macht sich der 20jährige Arturo Belano auf den Weg von Mexiko nach Chile, um die Revolution Allendes zu unterstützen. Nach dem Putsch macht die Soldateska des Faschisten Pinochet dort allerdings Jagd auf alle fortschrittlichen Kräfte.

Die Freuden der Jugend und der romantische Spleen einer reinen Lyrik bezaubern im lockeren Erzählreigen, dem bei aller surrealen Beglückung der Makel des Fragmentarischen anhaftet. Aber lasst uns nicht päpstlicher sein als der Papst! In den Geschichten switcht Bolaño souverän durch Raum und Zeit. Uns begegnen Protagonisten späterer Werke, die Storys sind reich an Anspielungen, schlingern allerdings nie ins Banal-Absurde wie in »Monsieur Pain«.

Natürlich kommen diverse vergessene Dichter und Dichterinnen vor, auch das Motiv des mit einem Jagdflugzeug dichtenden Fliegers.

Coll, cooler am coolsten – mindestens bei der Coverwahl beweist Hanser mehr Gespür als Fischer. Beide Verlage teilen sich die Resteverwertung des Bolañoschen Werkes, doch Hanser hat eindeutig die besseren Grafiker am Werk. Wo Fischer mit Koloriten kleckst, zeigt Hanser eine trockene Landschaft mit Pferden.

Roberto Bolaño verstand sein gesamtes Werk als Liebesbrief an seine »verlorene« Generation lateinamerikanischer Intellektueller, in »Cowboygräber« torpediert er uns nicht nur zurück ins Jahr 1973, in dem ein von den USA unterstützter Faschist das Gespenst der Freiheit unter seiner Stiefelspitze zertrat.

Roberto Bolaño: Cowboygräber, Hanser-Verlag, München 2020, 192 Seiten, 22 Euro

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