17.09.2020 / Schwerpunkt / Seite 3

Gegner der Inflationshysterie

Mainstream-Ökonomen in Deutschland propagieren die Sparsamkeit des Staates. Modern-Monetary-Theorie räumt auf mit Mythos des knappen Geldes

Simon Zeise

Thilo Sarrazin hat Verluste zu beklagen. Ende Juli musste er sein SPD-Parteibuch abgeben und, nimmt man den Rassisten beim Wort, dann ist demnächst auch sein Volkswirtschaftsdiplom futsch. »Wenn wir innerhalb der nächsten zehn Jahre keine starke Inflation bekommen, gebe ich mein Diplom als Bonner Volkswirt zurück und bin bereit, alles neu zu lernen«, hatte Sarrazin im Dezember 2012 lauthals getönt – wenige Monate nachdem die Europäische Zentralbank zu einem Kurs der expansiven Geldpolitik umgeschwenkt war. Seither hat die Notenbank den Leitzins sukzessive auf null Prozent gesenkt und ein mehrere Billionen Euro umfassendes Anleihenkaufprogramm gestartet. Indes, von Inflation ist weit und breit nichts zu sehen. Im August waren die Preise sogar um 0,2 Prozent gesunken.

Anhänger der Modern-Monetary-Theorie (Moderne Geldtheorie) wenden sich gegen das Heulen der neoliberalen Schreckgespenster. »Die Inflationsangst ist eine der mächtigsten Waffen aus dem Arsenal des Neoliberalismus, die immer wieder eingesetzt wird, um den Staat in Sachen wirtschaftlichen Einflusses möglichst klein- und von Interventionen abzuhalten«, schreibt der Ökonom Maurice Höfgen, in »Mythos Geldknappheit. Modern Monetary Theory oder warum es am Geld nicht scheitern muss«. Darüber hinaus sei die in der Bevölkerung verankerte Inflationshysterie dem Neoliberalismus eine willkommene Rechtfertigung für die Existenz permanenter Erwerbslosigkeit.

Die Denkschule, die von den »demokratischen Sozialisten« in den USA um Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez propagiert wird, gelangt vor allem deshalb zu Popularität, weil durch die kapitalistische Krise neoliberale Theoreme mehr und mehr in Frage gestellt werden. »Nebst der ideologischen Obsession vom Primat des Marktes liegt die Dominanz der Geldpolitik (und die passive Rolle der Fiskalpolitik) aber auch daran, dass die gegenwärtige Wirtschaftspolitik auf einem Verständnis der monetären und makroökonomischen Zusammenhänge der Wirtschaft fußt, das schlicht unbrauchbar ist«, schreibt Höfgen. »Im Ergebnis erreichten Zentralbanken in den letzten Jahrzehnten selten ihre Inflationsziele, die private Verschuldung ist in vielen Ländern in besorgniserregende, weil Finanzstabilität gefährdende Sphären gestiegen, unfreiwillige Arbeitslosigkeit ist permanent existent, die Infrastruktur bröckelt, und die öffentliche Daseinsvorsorge ist kaputtgespart.«

Das Buch sei deshalb empfohlen, weil es einen verständlichen Überblick über komplexe makroökonomische Zusammenhänge vermittelt. Höfgen kritisiert die Fehlkonstruktion des Euro-Währungsverbunds: So ist die Fiskalpolitik weiterhin Aufgabe der Mitgliedsländer, »deren Handlungsspielraum jedoch aufgrund fehlender Souveränität eingeschränkt«. Während die USA in voller Kontrolle über den Zins, den sie auf Staatsanleihen zahlen, verfügen können, würden in der Euro-Zone hingegen Banken und Investmentfonds die Höhe der Zinsen, die die Euro-Staaten auf ihre Staatsanleihen zahlen müssen bestimmen.

Ein Hinweis für die vor allem in Deutschland vom Mainstream vertretene Lehre der Inflationsvermeidung gibt Höfgen: Steigt die Inflation, muss der Schuldner weniger Geld für seinen Kredite bezahlen. Dem Gläubiger – wie der Bundesrepublik als Kapitalnettoexporteur – gehen hingegen Einnahmen verloren. Eine gut durchdachte Theorie kann ein erster Schritt sein, um dieses Gewaltverhältnis zu kippen. Sarrazin und Co. geben schon zu lange den Ton an.

Maurice Höfgen: Mythos Geldknappheit. Modern Monetary Theory oder warum es am Geld nicht scheitern muss. Verlag Schäffer-Poeschel, Stuttgart 2020, 264 S., 24,95 Euro

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