11.09.2020 / Ausland / Seite 7

Rheinmetalls Pusztapanzer

Deutsche Waffenschmiede baut Rüstungsfabrik in Ungarn. Budapest kauft gleich groß ein

Matthias István Köhler

Ungarn ist nicht nur einer der wichtigsten Käufer von Kriegsgerät aus der Bundesrepu­blik – ab 2023 werden in dem Land auch Panzer für den deutschen Rüstungskonzern Rheinmetall produziert. Am Donnerstag haben der Geschäftsführer der Rheinmetall Military Vehicles GmbH, John Abunassar, und der Direktor des Zala-Zone-Industrieparks, Andras Hary, in Zalaegerszeg eine dementsprechende Vereinbarung unterschrieben, wie das ungarische Nachrichtenportal 24.hu berichtete. Hergestellt werden soll in der westungarischen Stadt der neue »Lynx«-Schützenpanzer der Waffenschmiede mit Sitz in Düsseldorf.

Laut der ungarischen Nachrichtenagentur MTI erklärten im Anschluss der ungarische Innovations- und Technologieminister Laszlo Palkovics und Verteidigungsminister Tibor Benkö, dass die Produktion 2023 beginnen solle. »In der Rüstungsfabrik, einer der weltweit modernsten, werden mit Zulieferern zusammen insgesamt 500 Menschen beschäftigt werden, zudem wird auch an der Weiterentwicklung gearbeitet«, erklärte Palkovics dazu.

Bereits einen Tag zuvor hatten der Befehlshaber der ungarischen Streitkräfte, Ferenc Korom, und der Vorstandsvorsitzende der Rheinmetall AG, Armin Papperger, in Budapest einen Vertrag über den Kauf von 218 »Lynx KF 41« unterschrieben, Preis: satte zwei Milliarden Euro. Wie der zuständige Kommissar der Regierung, Gaspar Maroth, gegenüber MTI mitteilte, komme Budapest damit seinen NATO-Verpflichtungen nach.

Am 17. August war die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens von Rheinmetall und den ungarischen Streitkräften zur Produktion des Schützenpanzers bekanntgegeben worden. Demnach würden die ersten 46 noch in der BRD hergestellt, die 172 weiteren dann in Ungarn selbst. Laut dem deutschen Rüstungsunternehmen ist Ungarn der erste NATO- und EU-Mitgliedstaat, der sich für den neu entwickelten Panzer entschieden habe. Papperger sagte damals gegenüber der Nachrichtenagentur dpa, damit sei es gelungen, mit dem »Lynx« den »Marktdurchbruch« zu schaffen.

Am Donnerstag erklärte Papperger in Zalaegerszeg, man habe in Ungarn sehr gute Arbeitsbedingungen vorgefunden, es gebe eine enge Kooperation mit Regierungsstellen und der Industrie. Wie MTI berichtete, zeigte sich der Rheinmetall-Chef sicher, dass Ungarn mit der Waffenfabrik zu einem »sehr starken Mitglied« in der NATO werde, da dort die weltweit am weitesten entwickelte Technologie zu finden sein werde. Wie die ungarische Tageszeitung Magyar Nemzet am Donnerstag berichtete, sei neben Australien, den USA und Tschechien auch Katar an den Schützenpanzern interessiert.

Mit dem Bau der Rüstungsfabrik stricken Ungarn und die BRD weiter an ihrer gemeinsamen militärischen Verflechtung. Im Dezember 2018 hatten die Waffenschmiede Krauss-Maffei Wegmann (KMW) und Budapest die Lieferung von 44 neuen Kampfpanzern »Leopard 2 A7 plus« und 24 Panzerhaubitzen vereinbart. Auch an diesem Deal war Rheinmetall beteiligt. Das Unternehmen stellt die 120-mm-Glattrohr-Technologie für den »Leopard« her und die 155-mm-»L52«-Waffenanlage für die Panzerhaubitze. Ende Juli dieses Jahres wurden stolz die ersten Panzer in Ungarn präsentiert.

Die derzeit beispiellose Aufrüstung des Landes wird aber nicht nur von der BRD besorgt. Auch Washington darf sich über die »Modernisierung« der ungarischen Streitkräfte freuen. Am 12. August unterschrieben Verteidigungsminister Benkö und US-Botschafter David Cornstein in Budapest eine Vereinbarung, wonach Ungarn die Erneuerung seines Raketenabwehrsystems über das US-amerikanische Foreign-Military-Sales-Programm abwickeln werde. Botschafter Cornstein betonte dazu laut MTI, dass dies das bisher größte Waffengeschäft zwischen den USA und Ungarn sei.

Geärgert haben dürfte sich darüber Berlin. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer war Mitte Juli in Budapest vorstellig geworden, um laut Medienberichten für das Raketenabwehrsystem des Rüstungskonzerns MBDA Deutschland zu werben. Im Gegenzug würde sich die CDU für den Verbleib der ungarischen Regierungspartei Fidesz in der konservativen europäischen Parteienfamilie EVP einsetzen.

https://www.jungewelt.de/artikel/386141.ungarn-und-brd-rheinmetalls-pusztapanzer.html