01.08.2020 / Feuilleton / Seite 11

Und tschüs

12.000 US-Soldaten weniger in Deutschland? Nur zu!

Reinhard Lauterbach

»Ami go home? Don’t!« So greinte der Spiegel in seinem Nachrichten-Newsletter am Donnerstag morgen. Und malte die schlimmsten Folgen aus, wenn tatsächlich jeder dritte in Deutschland stationierte GI die Bundesrepublik verlassen sollte. Was aber so schlimm daran sein soll, führte das Hamburger Magazin nicht weiter aus. »Besonders bitter« sei es, dass gleich zwei der in Stuttgart befindlichen US-Hauptquartiere verlegt würden – und dann noch nach Belgien, das für sein Militär einen noch geringeren Anteil am Sozialprodukt ausgebe als die Bundesrepublik. So was von ungerecht. »Aber um Fakten geht es bei dieser Aktion eh nicht.«

Geliehene Blutspenden

Das kann man wohl sagen. Auch beim Spiegel nicht. Zumal die größten Belastungsfaktoren der US-Präsenz für die deutsche Zivilbevölkerung, das Luftdrehkreuz Ramstein bei Kaiserslautern und der Truppenübungsplatz Grafenwöhr, ausdrücklich nicht aufgegeben werden sollen. Ebensowenig das Lazarett in Ramstein, wo in Afghanistan und Irak verletzte US-Soldaten wieder aufgepäppelt werden. Ich erinnere mich noch an die Zeit des ersten Golfkriegs, als ruchbar wurde, dass das Deutsche Rote Kreuz Blutkonserven aus seinen Beständen an die US-Truppen abgab, die davon damals mehr brauchten, als sie gebunkert hatten. Ich habe deshalb heute noch einen Widerwillen gegen das Blutspenden. Für die nicht. Erst weltweit fremdes Blut vergießen und sich dann das der anderen ausleihen.

Shit und Bourbon

Aus meiner Heimatstadt Mainz sind die US-Soldaten schon Mitte der 90er abgezogen, etwas später auch aus Frankfurt am Main, wo ich damals arbeitete. Vermisst sie dort heute jemand? Eher nicht. Beide Städte florieren auch ohne die Einquartierung aus Übersee. Es wurden große innenstadtnahe Flächen frei, um dort Wohnungen zu bauen. 750 in Mainz, in Frankfurt einige tausend. Profitiert haben zwar meistens doch nur wieder private Immobilienentwickler, aber immerhin. Ansonsten würden die Leute, die jetzt am Frankfurter Alleenring in der ehemaligen Housing Area untergekommen sind, auch noch im Nordend Wohnungen suchen. Im Hunsrück bekam eine bekannte irische Billigfluglinie ihr erstes Bein auf deutschen Boden, als die US-Luftwaffe ihren Stützpunkt in Hahn aufgab – der Bund warf Michael O’Leary den autobahnähnlichen Ausbau der vorbeiführenden Bundesstraße 50 hinterher, so dass sich die Fahrzeit von Frankfurt »auf den Hahn« auf zwei Stunden reduziert hat. Ansonsten erinnern heute bloß noch vergammelte Schuppen ehemaliger Gebrauchtwagenhändler an der Hunsrück-Höhenstraße an das einstige Geschäft mit den US-Soldaten.

Denn das war die materielle Grundlage der »deutsch-amerikanischen Freundschaft« an der Basis. Manche tauschten mit den GIs Shit gegen Bourbon, ich mochte beides nicht. Manche Mädels lachten sich US-Freunde an und heulten hinterher herum, wenn der Lover über den Großen Teich verschwand und nichts mehr von sich hören ließ. Gern unter Hinterlassung unehelicher Kinder. Auf dem Bahnhofsvorplatz von Mainz und vor dem größten Bordell der Stadt nicht weit davon gab es am Wochenende regelmäßig Schlägereien unter besoffenen GIs, die von der US-Militärpolizei mit brutalen Knüppeleinsätzen beendet wurden. Die deutsche Polizei hielt sich raus; sie durfte nicht, die GIs genossen Immunität. Genauso wie die USA das heute noch in den Ländern aushandeln, die sie neu mit der Anwesenheit ihrer Truppen beglücken. In Polen kommt es aktuell laufend zu schweren Unfällen, weil die US-Lastwagenfahrer die engen europäischen Kurven nicht gewohnt sind, Alleebäume rammen oder im Straßengraben landen.

Exotischer Kaumgummi

Natürlich hat der US-Abzug Leidtragende. Wirte in Käffern im Hunsrück oder in der Oberpfalz, wo die Soldaten ein relevanter Kaufkraftfaktor waren. Aber es gehen jährlich auch anderswo Kneipen pleite – muss man jetzt deswegen den US-Kasernen nachtrauern? Oder Vermieter im pfälzischen Bruchmühlbach, die auf amerikanische Mieter als Geschäftsmodell gesetzt hatten. Sollen einem die leid tun? Im Ortsteil Miesau Grundbesitz zu haben, ist Strafe genug. Wer zieht denn da hin, außer wenn er muss (»Mir geht es wie Sau, ich wohn in Miesau«)? Bleiben die Wachleute hinter dem Stacheldrahtverhau, immer gern beschworen. Natürlich sind das arme Schweine, wie ihre Kollegen, die anderswo denselben Job machen; aber mit dem (mit oder ohne Amis) beschissenen Schicksal dieser Zerberusse jetzt die Trauer NATO-treuer Journalisten über den relativen Bedeutungsverlust der Bundesrepublik im westlichen Bündnissystem zu illustrieren, ist dann doch etwas arg weit hergeholt.

Immer gern beschworen von transatlantischen Nostalgikern wird auch noch die interkulturelle Bereicherung durch die Anwesenheit der US-Soldaten. Gut, in der Frühzeit mag es sie gegeben haben. Da war Kaugummi exotisch, und im US-Armeesender American Forces Network (AFN) wurde Jazz gespielt, als der in Deutschland noch als »Negermusik« galt. Aber schon zu Zeiten, als ich das Programm gelegentlich hörte, in den 70ern, sendete AFN eher Country und Funk, also langweiliges Zeug. Was die GIs halt hören wollten. Die kamen ja »aus der Mitte der Gesellschaft«, ihrer nämlich, und für die war das Programm da, von wegen »kulturelle Strahlkraft«. Wenn schon, dann wäre der britische Soldatensender British Forces Broadcasting Service (BFBS) mit BBC-Nachrichten und Kultmoderatoren wie Alan Bangs ein horizonterweiterndes Element gewesen, aber der war im Rhein-Main-Gebiet nicht zu empfangen, den lernte ich erst später kennen und schätzen. Aber heute? Was soll denn im Zeitalter des Internets, wo man jedes Freejazz-Garagenradio aus San Francisco online hören kann, die Erinnerung an diese analoge Steinzeit? Nicht zufällig haben mit dem Aufkommen des Internets die USA selbst die terrestrische Ausstrahlung des Programms eingestellt. AFN stand zuletzt übrigens unter dem Claim »Music worth fighting for« – Musik, für die es sich zu kämpfen lohnt. Geht’s noch?

Nein, nein, macht’s gut, Amis, macht hinter euch sauber und euch selbst davon. Ist nicht persönlich, aber ich werde euch nicht nachtrauern. Gute Reise.

https://www.jungewelt.de/artikel/383407.truppenabzug-und-tschüs.html