01.08.2020 / Inland / Seite 5

Kranke Kinder in Not

Zu teuer: Im Norden Sachsen-Anhalts bricht die klinische Versorgung der Jüngsten weg. In Gardelegen soll eine weitere Station schließen

Susan Bonath

Wald, Feld, Heide, ab und zu ein Dorf: Der Altmarkkreis Salzwedel ist die am dünnsten besiedelte Region in Sachsen-Anhalt. Im Schnitt teilen sich 36 Einwohner einen Quadratkilometer. Die Mittelzentren mit je gut 20.000 Einwohnern, Salzwedel im Norden und Gardelegen im Süden, trennen 45 Kilometer. Ab und zu verkehrt ein Bus zwischen den Kleinstädten, der eine gute Stunde braucht. Nicht nur der Nahverkehr lässt zu wünschen übrig. Auf der Kippe steht die Kinderstation im Krankenhaus Gardelegen – eine Katastrophe für betroffene Eltern und Kinder.

Im Mai hatte die Betreibergesellschaft »Salus Altmark Holding« den Beschäftigten ihre Pläne offeriert, die stationäre Kinderversorgung in Salzwedel zu konzentrieren. In Gardelegen wolle man die Ambulanz stärken. Schuld seien wirtschaftliche Faktoren. Dabei hatten das Land Sachsen-Anhalt und der Bund erst vor zwei Jahren 5,3 Millionen Euro locker gemacht, um den alten Flachbau zu ersetzen, in dem die Station untergebracht ist. Der Neubau ist fast fertig, der ursprüngliche Plan aber wohl verworfen – mit gravierenden Folgen für Eltern kranker Kinder: Die nächstgelegene Kinderstation befindet sich im 35 Kilometer entfernten Stendal. Ausweichen könnten Betroffene zudem ins 45 Kilometer entfernte Johanniter-Krankenhaus in Salzwedel, nach Wolfsburg (50 Kilometer) oder Magdeburg (65 Kilometer).

Mitbetroffen wäre auch der zweitgrößte Landkreis in Sachsen-Anhalt, die Börde. Sie grenzt im Süden an den Altmarkkreis. 2015 hatte der Klinikkonzern »Ameos« die letzte dort verbliebene Kinderstation in Haldensleben geschlossen – zwei Jahre nach seiner Übernahme und neun Jahre nach der Privatisierung der Klinik. Eltern mit kranken Kindern müssen seither gut 30 Kilometer nach Magdeburg oder Gardelegen ausweichen. Nach der Kinderstation folgten der Kreißsaal, die Frauenstation und der kinderärztliche Notdienst an Wochenenden und Feiertagen.

Angeblich sind nun alle eigentlich für die Erhalt der Kinderstation in Gardelegen. »Die Schließungspläne passen mit dem geförderten Neubau nicht zusammen«, kritisierte Gardelegens Bürgermeisterin Mandy Schumacher (SPD) am Mittwoch gegenüber der Lokalzeitung Volksstimme. Ihr sei das Ansinnen vor allem unverständlich, weil die »Salus« eine Landesgesellschaft sei. Tatsächlich hält das Land Sachsen-Anhalt 81,8 Prozent Anteile an der gemeinnützigen GmbH, der Rest ist in der Hand des Altmarkkreises Salzwedel.

Anfang Juli besuchte Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) die Einrichtung. Er verstehe den Wunsch zum Erhalt der Station, betonte er. Altmark-Landrat Michael Ziche (CDU) gab sich emotionsgeladen: Er könne sich »überhaupt nicht vorstellen, dass eine Stadt wie Gardelegen keine Kinderklinik hat«. Er fügte an: Die Ökonomie spiele aber leider eine große Rolle, das System der Fallpauschalen bewirke »keine guten Rahmenbedingungen«.

Der Gardelegener Stadtrat sprach sich geschlossen für den Erhalt der Station aus. Mit einem Appell an den Bund, die Fallpauschalen abzuschaffen, reagierte die Linksfraktion im Kreistag auf die Schließungspläne. Die SPD-Landtagsabgeordnete Katja Pähle sagte auf jW-Anfrage, ihre Fraktion, die mit der CDU und den Grünen regiert, werde sich auch dafür stark machen. Am Dienstag habe die Landesregierung verabredet, so Pähle, mit Mecklenburg-Vorpommern eine geplante Bundesratsinitiative einzubringen, »um die Kinderkliniken von der Finanzierung nach Fallpauschalen abzukoppeln«. Dies sei »ein wichtiger erster Schritt, aber viele weitere müssen folgen«, sagte sie. In der Vergangenheit hatte ihre Partei zusammen mit der CDU und mancherorts der FDP zahlreiche Privatisierungen von Kliniken in Sachsen-Anhalt mitgetragen.

Eine Mitarbeiterin von Landrat Ziche verwies jW auf Nachfrage an die Klinikgesellschaft, da er im Urlaub sei. Salus-Sprecherin Franka Petzke beteuerte, man habe noch nicht abschließend entschieden und bemühe sich um den Erhalt der Versorgung. Allerdings könnten heute mehr Krankheiten ambulant versorgt werden. Und: Seit dem Wegfall der letzten Kinderstation im Bördekreis hätten sich die Patientenzahlen nicht erhöht.

In Gardelegen demonstrierten mehrfach Anwohner gegen eine Schließung. Es hagelt Vorwürfe: Hat »Salus« seine Pläne verschleiert und Fördermittel zweckentfremdet? Das hält der parteilose Stadtrat Dirk Kuke für möglich. Laut Volksstimme vom 22. Juli hat er deshalb Strafanzeige gegen die Betreiberin gestellt. »Die Aktivitäten sprechen eindeutig dafür, dass sich die ›Salus‹ schon vor der Veröffentlichung ihrer Pläne mit der Neuausrichtung beschäftigt hat«, sagte Kuke.

https://www.jungewelt.de/artikel/383380.gesundheitspolitik-kranke-kinder-in-not.html