31.07.2020 / Feuilleton / Seite 10

Gute Verbindung

Mike Skinner aka The Streets ist zurück mit einem intelligenten Mixtape über Vernetzung

Jens Buchholz

Mike Skinner ist am Telefon: »My phone is always in my hand / If you think I’m ignoring you, I am.« Sein Handy hat er also immer in der Hand, rappt er, er ignoriert uns nur. Bis jetzt: Nach neun Jahren hat er endlich wieder einen Longplayer veröffentlicht, das Mix­tape »None of us Are Getting Out of This Life Alive«. Es ist, als wäre Skinner nie weg gewesen. Die zwölf Tracks stecken voller kreativer Energie. Und; typisch für Skinner, die Tracks werden durch ein intelligentes Konzept miteinander verbunden. Es geht um Identität und Beziehungen.

Er war gerade mal 22 Jahre alt, als er im Jahr 2000 seine erste Single »Has it Come to This« veröffentlichte. UK Garage war damals angesagt, eine wilde Mischung aus House und Dub­step. Skinner reicherte diese Musik mit HipHop und Ragga an, eine Mischung, aus der seine Zeitgenossen Wiley und Dizzee Rascal dann die Musikrichtung Grime entwickelten. Es gehe ihm darum, das Alltagsleben zu beschreiben erklärte er damals, er wolle »music for the streets« machen, Musik für die Straße. Darum gab er sich den Künstlernamen »The Streets«.

2004 gelang ihm mit seinem zweiten Album »A Grand Don’t Come for Free« der große Wurf. Die Platte erzählt die Geschichte, wie Skinners lyrisches Ich sich auf die Suche nach verlorenen 1.000 Pfund macht. Vier Hitsingles warf der Langspieler ab, darunter sein größter Hit bis jetzt, der Trennungssong »Dry Your ­Eyes«. Das Album festigte Skinners sehr eigenen Produktionsstil, der damals fast nur den Laptop nutzte: sehr eigenwillige, holprige Beats, dazu Raps mit sehr ungewöhnlichem Flow. »Für mich ist das britischer Rap«, beschrieb Mike Skinner seine Musik in einem Interview. »Allerdings nicht so, wie man ihn bisher kannte.« The Streets ist wie ein Ken-Loach-Film in Musikform.

2011 machte er Schluss mit The Streets. Er litt unter chronischer Erschöpfung. »Es ist traumatisch, sehr jung und gleichzeitig sehr berühmt zu sein«, sagt Skinner dem Guardian über diese Zeit. »Es ist ein bisschen, wie im Lotto zu gewinnen. Das geht ja meistens auch nicht gut aus.« Aber die Karriere als Schauspieler und Filmmusikkomponist kam danach nicht recht in Gang. »Ich muss kreativ sein«, sagt er, »sonst werde ich lebensmüde.« Also kehrte er 2017 mit The Streets auf die Bühne zurück. Mit großem Erfolg.

Jetzt gibt es das erste de-facto-Album seit 2011. Und es ist das gelungenste seit »A Grand Don't Come for Free«. Viele Gaststars begleiten The Streets durch zwölf stilistisch abwechslungsreiche Tracks. Fast alle haben ein hohes Ohrwurmpotential. Im Video zur Vorabsingle »Call my Phone Thinking I’m Doing Nothing Better« tauchen auf dem Display eines alten Nokia-Handys nach und nach die Namen all seiner Kooperationspartner auf. Bei »Call my Phone …« selbst ist das Kevin Parker von Tame Impala. Der Track hat zwei sehr eingängige Hooks und einen hübschen stolpernden Beat. Der Titeltrack »None of us Are Getting out of This Alive« ist eine Kooperation mit den Post-Punkern Idles. Verzerrte Gitarren, hämmerndes Schlagzeug. In dem tollen »I Wish You Loved You as Much as You Loved Him« fühlt man sich als The-Streets-Fan sofort zu Hause. Sehr stark auch der Track »You Can’t Afford me« mit Ms Banks. Die Zusammenarbeit mit dem Londener Rapper Jimothy funktioniert ebenfalls exzellent. Passend der Titel des Tracks: »Same Direction«. Skinner zeigt sich in den verschiedensten Konstellationen erstaunlich wandlungsfähig.

Für jeden seiner Partner entwickelt er eine angepasste The-Streets-Persona als Basis der Kooperation. Daraus ergibt sich ein schlüssiges Konzept. Menschen sind schließlich nicht einfach sie selbst. Sie bewegen sich durch ein Netz aus Interaktionskonstellationen und passen sich ihnen an. Das Handy spielt bei der Vernetzung eine zentrale Rolle. »Unsere Beziehungen werden durch Whats-App, Tinder und Instagram gefiltert«, meint Mike Skinner gegenüber dem New Musical Express, »und wenn du so nah am Alltag dran sein willst wie ich, dann ist das Handy einfach oft ein Thema«.

The Streets: »None of us Are Getting Out of This Life Alive « (Island)

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