30.07.2020 / Sport / Seite 16

Ab in die Blase

Die NBA will ausgerechnet in Florida die Saison zu Ende bringen – einem der Corona-Hotspots in den USA

Rouven Ahl

Los Angeles beherbergt mit den Lakers und den Clippers gleich zwei Teams aus der US-amerikanischen Basketballiga NBA. Beide gehörten vor der Saison zu den großen Favoriten auf die Meisterschaft. Daran hat sich auch vor dem geplanten Neustart der NBA am 30. Juli nichts geändert. Die Liga hatte den Spielbetrieb Mitte März gestoppt, als einige Spieler positiv auf das Coronavirus getestet wurden.

Unter anderem das traditionsreiche Duell zwischen Lakers und Clippers soll nun heute abend (Ortszeit) die Zwangspause beenden. Normalerweise würde das Spiel im Staples Center in Los Angeles ausgetragen werden. Normal ist momentan jedoch wenig in der NBA. Denn um die Saison zu beenden und dabei die Sicherheit aller Beteiligten so gut es eben geht zu gewährleisten, hat man auf dem Gelände des Freizeitparks Walt Disney World Resort in Orlando ein abgeschottetes Refugium geschaffen.

In dieser »Bubble« (Blase) soll bis Anfang Oktober der Meister ermittelt werden. Die Spiele finden dabei ausschließlich im ESPN Wide World of Sports Complex statt. Ohne Zuschauer, versteht sich. 22 Mannschaften sind dabei. Für die anderen Teams, die keine Chance mehr hatten, sich für die Playoffs zu qualifizieren, ist die Saison damit beendet. Die verbliebenen Mannschaften werden jeweils acht Spiele bestreiten, ehe es für 16 von ihnen in den Playoffs weitergeht. Zu den großen Favoriten gehören neben den beiden Teams aus Los Angeles mit ihren Superstars LeBron James (Lakers) und Kawhi Leonard (Clippers) vor allem die Milwaukee Bucks um den letztes Jahr als wertvollster Spieler (Most Valuable Player, MVP) ausgezeichneten Giannis Antetokounmpo.

Für das Mammutprogramm hat die NBA ein umfassendes Hygienekonzept erarbeitet. Die Spieler sowie die anderen Teammitglieder sind in ihren Hotelzimmern praktisch von der Außenwelt abgeschottet, werden zudem regelmäßig auf das Virus getestet. Trotzdem gibt es ein Problem: Die Stadt Orlando befindet sich im US-Bundesstaat Florida, einem der Corona-Hotspots in den USA. Laut der New York Times liegt die durchschnittliche Infektionszahl dort momentan bei über 10.000 Fällen pro Tag. Seit dem Beginn der Pandemie sind fast 6.000 Menschen in Florida an oder mit dem Virus gestorben.

»So wie die Zahlen in die Höhe schießen, ist Florida der schlimmste Ort der Welt. Ich denke, wir haben keine Chance, diese Saison zu Ende zu bringen«, sagte der Exspieler Charles Barkley in der vergangenen Woche. Die traditionell starke Spielergewerkschaft hat den Plänen der NBA trotzdem zugestimmt. Die überwiegende Mehrheit der Akteure möchte die Saison zu Ende bringen. Manch einem ist das Risiko allerdings zu hoch. Schließlich ist immer noch wenig über die Langzeitfolgen des Virus bekannt. Avery Bradley, Profi bei den Los Angeles Lakers, gab Ende Juni bekannt, sich nicht in die »Blase« begeben zu wollen. Wie der 29jährige gegenüber dem Fernsehsender ESPN sagte, sei er nicht bereit, die Gesundheit seiner Familie auch nur im Geringsten zu gefährden. Die NBA hatte bereits angekündigt, dass eine Verweigerung der Teilnahme für die Spieler keine Konsequenzen haben wird.

Einer, der unbedingt in Orlando dabei sein möchte, ist Russell Westbrook, Point Guard der Houston Rockets und einer der besten Spieler der NBA. Der 31jährige wurde Mitte Juli positiv auf das Coronavirus getestet. Er fühle sich gut und befände sich in Quarantäne, schrieb er damals in den sogenannten sozialen Netzwerken. Sobald diese vorüber ist, möchte sich Westbrook seinem Team in Florida anschließen. Um sich überhaupt in die »Blase« begeben zu dürfen, muss er jedoch zwei negative Tests nachweisen. Danach ist er verpflichtend, zwei weitere Tage in Selbstisolation auf dem Hotelzimmer zu verbringen, ehe er nach einem weiteren negativen Test zum Team stoßen kann.

Die NBA betreibt einen hohen Aufwand, um das Gelingen ihres Vorhabens zu gewährleisten. Wie bei vielen anderen großen Sportligen spielt neben dem Wettbewerbsaspekt natürlich auch der Faktor Geld eine nicht unwesentliche Rolle – schließlich geht es darum, die geltenden Fernsehverträge zu erfüllen. Auch hier stellt sich die moralische Frage, ob die finanzielle Lage einer Liga wie der NBA es rechtfertigt, dermaßen viele Coronatests zu verbrauchen. Die verheerende Situation in den USA macht sie besonders dringlich.

Er verstehe jeden, der angesichts der aktuellen Lage die Wiederaufnahme des Spielbetriebs in der NBA ablehnt, sagte Journalist Zachary Lowe vor zwei Wochen in seinem Podcast »The Lowe Post«. Dennoch solle die Liga die Möglichkeit bekommen, ihr Konzept umzusetzen. Er hoffe jedoch, dass die NBA abbreche, falls sich die Situation inner- oder außerhalb der »Blase« zuspitze.

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