28.07.2020 / Ausland / Seite 6

Kalkül mit Menschenleben

Italienische Insel mit Geflüchteten allein gelassen. Seenotrettung bis zum Äußersten hinausgezögert

Ina Sembdner

Seit Tagen erreichen immer mehr Geflüchtete per Boot Süditalien. Allein auf der Mittelmeerinsel Lampedusa befinden sich derzeit mehr als 1.000 Asylsuchende. Der EU-Grenzposten verfügt jedoch nur über ein Aufnahmelager, das lediglich für 95 Menschen ausgelegt ist. Auch in der Nacht auf Montag wurden 114 Menschen von der italienischen Küstenwache unmittelbar vor der Insel von ihren Booten gerettet und an Land gebracht, wie die italienische Nachrichtenagentur ANSA meldete. Darunter seien 70 Asylsuchende aus Tunesien, vier aus Marokko und 40 aus Bangladesch gewesen. Sie seien in das Aufnahmelager gebracht worden, in dem sich damit 650 Menschen befinden, nachdem am Sonntag 520 in andere Einrichtungen gebracht worden waren. Seit Januar erreichten laut UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR bereits mehr Geflüchtete das südeuropäische Land als 2019 (9.725 gegenüber 11.500) – mindestens 274 Menschen mussten nach Zählung der Internationalen Organisation für Migration (IOM) den Fluchtversuch mit ihrem Leben bezahlen.

Nachdem Lampedusas Bürgermeister Totò Martello am Sonnabend von einer unkontrollierbaren Situation gesprochen hatte und die Ausrufung des Ausnahmezustands ankündigte, hat sich Rom offenbar dazu bereit erklärt, Unterstützung zu leisten. So soll ein Großteil der auf Lampedusa Gestrandeten auf das italienische Festland gebracht werden, wie das Nachrichtenportal Rai News am Sonntag berichtete. Auf der anderen Seite setzt Italiens parteilose Innenministerin Luciana Lamorgese ganz im Sinne der EU darauf, den Regierungen Nordafrikas die Aufgabe der EU-Abschottung zu übertragen. Am Montag wollte Lamorgese dazu mit dem tunesischen Präsidenten Kais Saied und dem scheidenden Innenminister Hichem Mechichi zusammentreffen. Laut Rai sollte neben einer verstärkten Einbindung Tunis’ auch eine Beschleunigung des Abschiebeverfahrens besprochen werden, ein Thema das die Ministerin in den kommenden Tagen zudem in Brüssel forcieren will.

Nachdem Tunesien Libyen als Haupttransitland für Flüchtende abgelöst hat und inzwischen rund 35 Prozent der derzeit nach Italien Flüchtenden tunesischer Herkunft sind, wird es nicht nur von Italien »umworben«. Das wirtschaftlich stark angeschlagene nordafrikanische Land, das am Tropf der EU hängt, erfüllt seine Rolle entsprechend. So berichtete die tunesische Nachrichtenagentur TAP am Sonntag, dass am Vortag ein Boot mit 19 Flüchtlingen vor der Küste von Sousse aufgehalten worden sei.

Unterdessen meldete die NGO »Alarmphone« auf Twitter in der Nacht von Samstag auf Sonntag von einem mit 95 Geflüchteten überladenen Boot in Seenot. Da es derzeit keine privaten Seenotrettungsschiffe im Mittelmeer gibt, habe man die maltesischen Behörden darüber informiert, dass sich ein Handelsschiff rund 20 Seemeilen von dem Boot entfernt befinde – ohne Antwort. Die GPS-Daten der sich in Seenot Befindlichen seien kontinuierlich an die Behörden weitergegeben worden, während sich das Boot weiter mit Wasser gefüllt habe und einige Menschen bereits ins Wasser gesprungen seien. Am Sonntag nachmittag versuchten die Menschen mit T-Shirts ein weiteres Handelsschiff in ihrer Nähe auf die Situation aufmerksam zu machen, dieses drehte jedoch ebenfalls ab, ohne zu helfen. Am Abend hielt sich dann das Handelsschiff »Heydar Aliyev« in der Nähe auf, verfolgte die Situation offenbar genau, ohne jedoch den Schiffbrüchigen zu helfen. Am Abend gingen diese davon aus, dass sich ihr Boot nur noch ein bis zwei Stunden über Wasser halten könne.

Am Montag mittag wurden die Bootsflüchtlinge dann schließlich von den maltesischen Streitkräften nach rund 35 Stunden in Seenot gerettet, wie auch die Times of Malta unter Bezug auf Regierungsquellen bestätigte. Die Retter von Alarm Phone ließen anschließend ihrem geballten Frust auf Twitter freien Lauf: »Wir haben genug davon, das EU-Behörden mit dem Leben der Menschen spielen. Wir haben genug davon, dass EU-Küstenwachen aufhängen, wenn wir anrufen, und das Notieren von lebensrettenden Informationen verweigern. Wir haben genug von all dem Sterben und Verschwinden, das wir nun seit sechs Jahren erleben.«

https://www.jungewelt.de/artikel/383100.eu-grenzregime-kalkül-mit-menschenleben.html