08.07.2020 / Sport / Seite 16

Tonnenweise Pisco Sour

Abschied des Pizzamanns. Der ewige Claudio Pizarro hört auf

Leonhard Furtwängler

Am Ende, als die Rettung vollbracht war, flog Claudio Pizarro noch einmal durch die Luft. Die Kollegen trugen den 41jährigen auf Händen und warfen ihn immer wieder in die Höhe. So verabschiedete sich die Stürmerlegende, das Idol von Werder Bremen, der älteste Torschütze der Bundesligageschichte mit einem Lächeln in den Ruhestand – obwohl Pizarro in seinem allerletzten Spiel als Profi nicht mehr auf das Feld durfte.

»Ich habe mich bei ihm entschuldigt, dass ich ihn nicht mehr bringen konnte«, sagte Werder-Trainer Florian Kohfeldt, vier Jahre jünger als Pizarro, nach dem 2:2 im Relegationsrückspiel beim 1. FC Heidenheim: »Er hat gesagt: ›Das ist scheißegal. Hauptsache, wir sind weiter in der Bundesliga.‹« Das Remis reichte den Grün-Weißen nach dem 0:0 im Hinspiel zum Klassenerhalt. So blieb Pizarro ein unrühmliches Karriereende erspart. »Niemals 2. Liga«, schrieb er zum Abschied in den sogenannten sozialen Medien.

Claudio Miguel Pizarro Bo­sios große Bundesligakarriere begann mit »tonnenweise« Pisco Sour. Hätte Jürgen L. Born, der einstige Geschäftsführer von Werder Bremen, an einem Abend im Jahr 1999 nicht etliche Cocktails aus Traubenschnaps getrunken, wäre einer der besten Stürmer der Ligahistorie womöglich nie in Deutschland gelandet. »Wir haben ein feuchtes Bündnis geschlossen«, erinnerte sich Born einst im Gespräch mit dem Weserkurier an die alkoholreichen Verhandlungen in Perus Hauptstadt Lima, in denen er Pizarros Vater Claudio Pizarro Davila auf seine Seite brachte. Am 28. August 1999 sollte der neue Stürmer dann sein Debüt in der Bundesliga geben. Dort spielte der Fanliebling zumeist für Werder, aber auch höchst erfolgreich für Bayern München (2001–2007, 2012–2015) und weniger glücklich im Trikot des 1. FC Köln (2017/18). Seine Zeit beim FC Chelsea in England (2007/2008) war nur ein kurzer Abstecher.

Pizarro hat sechs Meisterschaften gewonnen, sechs Pokaltriumphe gefeiert. Er ist Champions-League- und Weltpokalsieger, Klubweltmeister. Mit 197 Toren in 490 Bundesligapartien war er lange treffsicherster ausländischer Angreifer, bis Robert Lewandowski vorbeizog. Doch all die Titel und Statistiken geben noch keinen Aufschluss darüber, welchen Status sich Pizarro vor allem in Bremen verdient hat, wo er mit seinem Torriecher, seiner außergewöhnlichen Technik und seinem verschmitzten Lächeln die Herzen gewann. »Es gibt also doch noch Sentiment im Profifußball und nicht nur Kalkulation und Söldnertum«, schrieb Christof Meueler 2018 in junge Welt, als Pizarro zum letzten Mal bei Werder anheuerte. Von 1999 bis 2001, von 2008 bis 2012, von 2015 bis 2017 und von 2018 bis heute kickte er in Grün-Weiß.

Während seiner ersten Bremer Zeit nannten sie ihn und Sturmpartner Aílton »Pizza Toni«, weil sie so zuverlässig Tore brachten wie der italienische Lieferservice die Pizza. Der Name blieb, wie die Liebe der Fans. Sinnbildlich die Szenen, die nach dem Erreichen der Relegation durch ein 6:1 gegen den 1. FC Köln in den sogenannten sozialen Medien veröffentlicht wurden. Pizarro sitzt im Auto und will nach Hause fahren. Doch kommt er in der Stadt kaum voran. Ihm fliegen Handküsse zu, ständig springt noch ein Fan an sein Fahrzeug heran und verbeugt sich tief. Der Stürmer steht für große Jahre, die Werder längst hinter sich hat.

»Wer Pizarro gerne Fußball spielen sieht, liebt den Fußball«, schrieb der Sportjournalist Marcus Bark 2016 und sollte damit bis zuletzt Recht behalten. Der Taktikblog spielverlagerung.de lobte den Peruaner immer wieder in höchsten Tönen für seine »starke Antizipation« und »eigenartige Motorik«, er sei ein »Dynamikdeuter«. Sein ehemaliger Coach bei den Bayern, der heutige Manchester-City-Trainer Pep Guardiola, sang Mitte Juni ebenfalls ein Loblied auf den Routinier: »Ich hätte ihn gerne getroffen, als er 24, 25 oder 26 Jahre alt war. Er ist einer der besten Stürmer, die ich je gesehen habe. Der Fußball verdient Menschen wie Claudio. Hoffentlich kehrt er irgendwann als Trainer zurück.«

Vielleicht fasst sich Pizarro ein Herz und lässt Guardiolas Wunsch Wirklichkeit werden. Wie hieß es 2018 in dieser Zeitung? »Wissen, wann es Zeit ist zu gehen. Das heißt auch: wissen, wann es Zeit ist wiederzukommen.« Darauf einen Pisco Sour.

https://www.jungewelt.de/artikel/381807.fußball-tonnenweise-pisco-sour.html