08.07.2020 / Antifa / Seite 15

»Ich war mit meiner Perspektive alleine«

Warum sich migrantische Antifaschisten selbst organisieren sollten. Gespräch mit Ayesha Khan und Amina Aziz

Dilan Karacadag

Nach dem rassistisch motivierten Anschlag von Hanau am 19. Februar und im Zuge der anhaltenden »Black Lives Matter«-Demonstrationen ist vermehrt von der sogenannten Migrantifa die Rede. Worum handelt es sich dabei?

Ayesha Khan: Migrantifa gab es schon vor Hanau. Aber nach dem Attentat haben sich viele, die sich vorher nicht politisierten, zusammengetan und wurden in Migrantifa-Kreisen aktiv. Vor allem in Hessen, speziell in Frankfurt am Main, konnte ich das gut beobachten. Das sind lose Kollektive, die es so nicht nur in Deutschland, sondern auch in England oder den USA gibt. Der Aufruf hierzulande, sich unter dem Begriff zu vereinen, ist bereits vor ein paar Jahren mit »Welcome United« während der sogenannten Flüchtlingskrise entstanden.

Weshalb hat der Anschlag von Hanau eine Welle von Neugründungen ausgelöst?

A. K.: Das liegt daran, dass es vor dem Hintergrund der NSU-Morde und der schleppenden Prozesse danach für viele schwierig war. Der Anschlag war für viele ein extremer Einschnitt in ihrem Leben. Auch dass er in einer Shisha-Bar stattgefunden hat, hat viele dazu bewegt, sich zu organisieren und etwas zu tun. Hier wurde auch die Migrantifa wichtig, unabhängig von der Antifa.

Amina Aziz: Leute, die sonst nicht politisch aktiv sind, waren plötzlich bei Demos und Gedenkveranstaltungen. Die Dynamik, die durch die Mobilisierung zum 8. Mai entstanden ist, hat sie wieder handlungsfähig gemacht und ihnen gezeigt, dass sie nicht allein sind mit ihrer Trauer und Wut und dem Bedürfnis, diesen Ausdruck zu verleihen.

Was unterscheidet Migrantifa- von Antifa-Zusammenschlüssen?

A. K.: Wir haben eine traurige Geschichte von rassistischem Terror in Deutschland. Ich habe gemerkt, dass ich in klassischen Antifa-Gruppen zwar eine andere Perspektive reinbringen kann, damit aber oft alleine dastehe. Migrantische Antifaschisten sollten sich selbst organisieren.

Und wie geschieht das?

A. K.: Jede Gruppe hat das unterschiedlich gelöst. Aber bei uns will man sich nicht an Personen binden und eine Hierarchie entstehen lassen. Wir üben auch Herrschaftskritik, da gehört es dazu, dass wir Hierarchien ablehnen. Es gibt niemanden, der was zu sagen hat. Weil es aber eine migrantische Organisation ist und weil viele zu diesen Gruppen kommen, die einen Einwanderungshintergrund haben, gibt es einen anderen Konsens. Es gibt eine lose familiäre Struktur. Man vertraut den älteren und sagt: Die Person hat Ahnung und Erfahrung, wir hören ihr mal zu. Aber auch Menschen, die nicht von Rassismus betroffen sind, sind Alliierte. Sie können die Strukturen mit anderen Arbeiten unterstützen. Zum Beispiel mit Behörden in Kontakt treten, Infrastruktur bereitstellen oder ihre Beziehungen nutzen. Doch die eigentliche Arbeit und die Ideen kommen von den Betroffenen.

A. A.: Eine hierarchische und zentralisierte Struktur widerspricht auch meinem Verständnis von Migrantifa. Aber es gab nach dem 8. Mai Bestrebungen, das bundesweit übersichtlich zusammenzufassen und Ansprechpartnerinnen und -partner für die jeweiligen Städte zu haben. Letztlich muss immer lokal entschieden werden, wie sich die Gruppen organisieren, ob das immer basisdemokratisch läuft, oder ob einige wenige Entscheidungen treffen. Beides hat Vor- und Nachteile. Die Stärkung und Begründung lokaler Bündnisse ist wichtig, weil sie nachhaltiger sind. Dezentrale Aktionen aufgrund lokaler Geschehnisse sind essentiell, um unseren Druck aufrechtzuerhalten. Dennoch sollte man immer wieder in größerem Maßstab zusammenkommen, wenn man das für effektiver hält.

Neben der Antifa und der Mi­grantifa gibt es auch sogenannte Antira-Zusammenschlüsse. Wo liegt der Unterschied?

A. A.: Antifas fokussieren sich vor allem auf Aktionen gegen Nazis, Antiras hauptsächlich auf den Rassismus, der vom Staat ausgeht – also oftmals rassistische Ausländer- und Asylgesetze. Die Arbeit hat historisch betrachtet meist komplett getrennt voneinander stattgefunden und sich stark unterschieden. Während Antiras Geflüchtete zu Ausländerbehörden begleitet haben, haben sich Antifas mit Neonazigruppen befasst. Auch wenn es Bestrebungen gab, dies gemeinsam mit rassifizierten Menschen zu tun bzw. mit denjenigen, die von Rassismus betroffen sind, sie also in antifaschistische Aktionen einzubinden. Das hat mal funktioniert, oft aber nicht.

Es gab auch viel Kritik rassifizierter Menschen an Antifas, weil sie sich nicht willkommen gefühlt haben bei ihnen, wenn zum Beispiel dort Rassismus reproduziert wurde. Dadurch mussten sich Antifas auch mit Themen des Antirassismus auseinandersetzen. Inzwischen gibt es da teilweise Annäherungen.

Wie geht es für die Migrantifa nun weiter?

A. A.: Jetzt ist die Herausforderung, sich in den Kämpfen zu positionieren: Wie radikal wollen wir sein, mit wem gehen wir Bündnisse ein, mit wem nicht, wofür stehen wir, und welche Mittel sind uns zum Erreichen unserer Ziele recht?

Ayesha Khan ist freie Autorin aus Hessen. Amina Aziz ist Journalistin aus Berlin und aktiv im antirassistischen Streikbündnis »8. Mai«

https://www.jungewelt.de/artikel/381802.migrantifa-in-der-brd-ich-war-mit-meiner-perspektive-alleine.html