04.07.2020 / Wochenendbeilage / Seite 4 (Beilage)

Einzelhaft überleben

Die Geschichte von Herman Wallace, der 42 Jahre lang isoliert lebte und sich Objekte schuf, um den Knastalltag zu überstehen

Maria Hinds und Matthew Thompson

Das Projekt »Einzelhaft überleben« ist dem Leben von Herman Wallace gewidmet, einem früheren Mitglied der Black Panther und einem der »Angola 3«, der mehr als 40 Jahre in Einzelhaft im Staatsgefängnis von Louisiana (unter dem Namen »Angola-Gefängnis« bekannt, jW) verbracht hat. Seine Geschichte wird anhand von Gegenständen erzählt, die er während der Inhaftierung geschaffen oder erworben hat. Sie bezeugen die Widerstandskraft und die kreative Genialität eines menschlichen Geistes, der über Jahrzehnte der brutalen Umgebung des US-Gefängnissystems ausgesetzt war.

Diese Gegenstände – kunstvoll und ideenreich improvisiert – sicherten ihm als nützliche Werkzeuge das Überleben. Umfunktioniert zur Navigierung, Umschiffung und letztendlich zur Überwindung der Gefängniszwänge bei gleichzeitiger Bejahung des menschlichen Lebens unter sonst menschenfeindlichen Bedingungen. Diese Gegenstände – Verkörperungen von Erinnerung, Identität, sozialen Bindungen und politischer Entschlossenheit – reflektieren sowohl Gemeinschaft und Verlust, Innen und Außen, Kampf und Freude, wie auch Mut und die Transzendenz menschlicher Freiheit.

Wallace war ebenso wie seine »Angola 3«-Genossen Albert Woodfox und Robert King unrechtmäßig des Mordes an einem Gefängniswärter des Staatsgefängnisses von Louisiana im Jahr 1972 angeklagt worden. Das früher größte und heute mit zu den größten US-Hochsicherheitseinrichtungen gehörende »Angola-Gefängnis« wurde auf einer ehemaligen Sklavenplantage errichtet. Die inoffizielle Bezeichnung ist eine Erinnerung daran, dass hier einst aus diesem afrikanischen Land verschleppte Arbeitssklaven festgehalten wurden – und an die beträchtliche Anzahl afroamerikanischer Insassen, die hier heute ebenfalls auf den Feldern arbeiten. Louisiana hat weltweit die höchste Pro-Kopf-Einkerkerungsrate, und Schwarze sind gerade auch in »Angola« deutlich überrepräsentiert.

Die von Gefängnisbeamten konstruierte Anklage gegen die drei war eine Vergeltungsaktion für die Gründung eines Ablegers der Black Panther Party in »Angola«. Dieser half den Insassen dabei, sich gegen Gewalt, sexuelle Versklavung und systematischen Rassismus – fest eingeschrieben in die Führung des Gefängnisses – zu organisieren.

Während seiner 42 Jahre in Einzelhaft – 23 Stunden in einer 1,8 mal 2,7 Meter großen Zelle, umgeben von drei Wänden und Eisenstangen – wurde Wallace zum Menschenrechtsaktivisten und politischen Gefangenen, der seine Mitinsassen zu einer Einheit organisierte und dafür von ihnen gefeiert wurde. Nachdem er 42 Jahre seine Unschuld beteuert hatte, wurde seine Verurteilung schlussendlich zurückgenommen, und am 1. Oktober 2013 konnte er das Gefängnis verlassen. Drei Tage später starb er als freier Mann nahe seines Zuhauses in New Orleans an Leberkrebs.

Dieses Projekt dokumentiert eine Auswahl der Objekte und Besitztümer, die Herman Wallace seiner Unterstützerin und Freundin Maria Hinds vermachte, die das Vorhaben gemeinsam mit Matthew Thompson umsetzte.

https://www.jungewelt.de/artikel/381553.us-gefängnissystem-einzelhaft-überleben.html