04.07.2020 / Geschichte / Seite 15

Illusion der Unabhängigkeit

Eine Meuterei innerhalb der Armee des Kongos bot Belgien nur Tage nach der Unabhängigkeit 1960 den Anlass, seine Vormacht zu untermauern

Christian Selz

Die Feierlichkeiten zur offiziellen Unabhängigkeit der Demokratischen Republik Kongo am 30. Juni 1960, einem Donnerstag, dauerten ein langes Wochenende an. Spätestens am folgenden Montag jedoch wurde offensichtlich, dass die Gewaltherrschaft der Kolonialzeit noch längst nicht überwunden war. Als streikende Arbeiter in Coquilhatville, der heute in Mbandaka umbenannten Hauptstadt der Provinz Équateur, auf die Straße gingen, eröffneten die Truppen der »Force Publique« umgehend das Feuer. Neun oder zehn Menschen, in der Opferzahl unterscheiden sich die Quellen, wurden getötet.

Doch auch innerhalb der Streitkräfte gärte es. Am selben Tag verbreitete ein Offizier im Camp Léopold II, der wichtigsten Militärbasis in der Hauptstadt Léopoldville, die heute Kinshasa heißt, dass die kongolesischen Soldaten keine Befehle ihrer ausschließlich belgischen Vorgesetzten mehr zu befolgen hätten, da ihr Land ja nun unabhängig sei. Chefkommandeur Émile Janssens, ein glühender Anhänger des alten Kolonialregimes, fuhr unmittelbar auf den Stützpunkt und setzte den Mann noch am selben Nachmittag ab. Am nächsten Morgen ließ er die Truppen antreten und schrieb seine Geisteshaltung in einer einfachen Formel an die Tafel: »Vor der Unabhängigkeit = nach der Unabhängigkeit« stand dort. Die Soldaten waren nicht einverstanden und demolierten die Kantine. Janssens Versuch, daraufhin die Truppen im gut 150 Kilometer entfernten Thysville (heute: Mbanza-Ngungu) zur Unterstützung anzufordern, schlug fehl. Auch die Soldaten dort widersetzten sich, die Meuterei hatte begonnen. Im Kern ging es den kongolesischen Soldaten darum, besser bezahlt zu werden und höhere Ränge einnehmen zu können, die bisher ihren weißen Vorgesetzten vorbehalten waren.

Brüssel sichert Einfluss

Was sich nun innerhalb der Armee zeigte, war jedoch auch eine generelle Abrechnung mit dem Kolonialregime. 23 Jahre lang, von 1885 bis 1908, hatte der belgische König Leopold II. den Kongo seiner persönlichen Herrschaft unterworfen und nicht nur das Land, sondern selbst die dort lebenden Menschen als Privatbesitz betrachtet. Die Brutalität des Ausbeutungsregimes war enorm. Zur Arbeit auf Kautschukplantagen gezwungenen Einheimischen wurden die Hände abgehakt, wenn sie aufbegehrten oder auch nur in den Augen der Aufseher zu langsam waren. Die Bevölkerungszahl von ursprünglich 20 Millionen Menschen, so schätzen Historiker, wurde durch das Terrorregime halbiert. Als der belgische Staat das Land schließlich 1908 von seinem König übernahm und bis 1960 als »normale« Kolonie weiterführte, wurden zwar die Exzesse etwas eingedämmt, die Unterdrückungsmuster aber beibehalten. »Wir haben die Herabwürdigungen, die Beleidigungen und die Schläge morgens, mittags und abends erlebt, weil wir ›Neger‹ waren«, erklärte der erste frei gewählte Premierminister des Landes, Patrice Lumumba in seiner Unabhängigkeitsrede am 30. Juni 1960. Für viele Soldaten war die Zeit der Janssens und ähnlicher Kolonialunterdrücker damit abgelaufen. Zum Teil schlug die Gewalt in Gegengewalt um, manche der meuternden Rekruten attackierten nun belgische Siedler.

Brüssel nahm das zum Anlass, seinen Einfluss in der gerade in die Unabhängigkeit entlassenen Kolonie militärisch zu untermauern. In einem am 27. Juni unterzeichneten »Freundschaftsabkommen« hatte sich Belgien kurz vor dem Unabhängigkeitstag den Verbleib seiner Kompanien in zwei Militärbasen im Kongo zusichern lassen. Im Zuge der Meuterei rückten diese belgischen Truppen nun aus – zunächst zumindest ohne Zustimmung und schließlich gar gegen den ausdrücklichen Protest der neuen kongolesischen Regierung. Offizielle Begründung Brüssels für die Intervention war der Schutz belgischer Zivilisten, die den Kongo nun rasch verließen. Auffällig war jedoch, dass die belgische Armee ihre Beschützerrolle vor allem in der extrem rohstoffreichen Provinz Katanga ernst nahm. Am 10. Juli landeten ihre Fallschirmjäger in der Provinzhauptstadt Élisabethville (heute: Lubumbashi), besetzten den lokalen Flughafen und sicherten so das Brüssel wohlgesinnte Separatistenregime unter Moïse Tschombé, der tags darauf prompt einen eigenen Staat (État du Katanga) ausrief. Als Staatspräsident Joseph Kasavubu und Premier Lumumba daraufhin am 12. Juli nach Katanga fliegen wollten, verweigerte das belgische Militär ihnen die Landung. Auf diese Weise blieben die enormen Kupfer-, Kobalt- und Uranvorkommen der Region weiterhin unter Kontrolle des belgischen Bergbaukonzerns Union Minière du Haut-Katanga.

Die von der Meuterei zerrüttete und bis dato von Belgiern geführte kongolesische Armee hatte weder dem Ausrücken der belgischen Truppen noch der Sezession Wesentliches entgegenzusetzen. Lumumba kritisierte Brüssel scharf und wandte sich an die Vereinten Nationen, deren Blauhelm-Truppen zwar in den Folgejahren die Belgier ablösten, gegen das Separatistenregime aber untätig blieben. In Katanga wurde der von den UN verlangte Abzug der Belgier zudem dadurch umgangen, dass belgische Militärs als »Berater« der lokalen Armee angestellt wurden.

Im Visier der CIA

Lumumba, der sich für Verstaatlichungen von Plantagen und Bergwerken stark machte, ersuchte schließlich in der Sowjetunion um Unterstützung, was in Washington und Brüssel Mordpläne reifen ließ. Der ehemalige CIA-Agent Lawrence R. Devlin schrieb in seinen 2007 veröffentlichten Memoiren davon, wie er von einem Giftspezialisten des US-Auslandsgeheimdienstes eine entsprechend präparierte Tube Zahnpasta überreicht bekam, mit der er Lumumba töten sollte. Dazu allerdings kam es nicht – ob tatsächlich aufgrund moralischer Überlegungen, die Devlin geltend macht, oder schlicht mangels Gelegenheit, wird wohl nie ganz aufzuklären sein. Fakt ist allerdings, dass die USA schon vor der Giftlieferung erfolgreich einen Keil zwischen Regierungschef Lumumba und Staatschef Kasavubu treiben konnten.

Bereits am 5. September 1960, also nur drei Monate nach der Unabhängigkeit, versuchte der Präsident auf Drängen Washingtons erstmals, seinen Premier zu schassen. Nachdem das Parlament Lumumba umgehend wieder eingesetzt hatte, setzte die CIA in Kooperation mit den Belgiern auf den kongolesischen Oberst Joseph-Désiré Mobutu, der Lumumba schließlich am 14. September per Putsch entmachtete und unter Hausarrest stellte. Kasavubu, der dem Unterfangen noch eine Art demokratischen Anstrich geben sollte, spielte das Spiel mit und durfte bis 1965 im Amt bleiben, ehe Mobutu auch ihn stürzte. Unter seinem neuen Namen Mobutu Sese Seko Kuku Ngbendu wa Zabanga baute der Militärmachthaber eine vom Westen gedeckte diktatorische Kleptokratie auf, die bis kurz vor seinem Tod 1997 Bestand hatte, den Bergbaukonzernen die fortgesetzte Ausbeutung des Kongo sicherte und für das Volk anhaltende bittere Armut bedeutete. Noch immer leben mehr als zwei Drittel der Kongolesen unterhalb der Armutsgrenze. Patrice Lumumba erlebte all dies nicht mehr, er war im Januar 1961 von belgischen Söldnern ermordet worden, sehr wahrscheinlich ebenfalls mit Hilfe der CIA.

Wir werden nicht vergessen. Rede Patrice Lumumbas am 30.6.1960, Tag der Unabhängigkeit Kongos

(…) Von dieser Unabhängigkeit des Kongo (…) wird kein Kongolese, der diesen Namen verdient, vergessen, dass wir sie im Kampf gewannen. Ein Kampf von Tag zu Tag, ein glühender und idealistischer Kampf, in dem wir von keiner Entbehrung, keinem Leiden verschont blieben und für den wir unsere Kraft und unser Blut gaben.

Wir sind stolz auf diesen Kampf, die Tränen, das Feuer und das Blut, bis in die Tiefen unseres Seins, denn es war ein nobler und gerechter Kampf, und unentbehrlich, um der erniedrigenden Sklaverei, die uns mit Gewalt aufgedrückt wurde, ein Ende zu bereiten. (…)

Wir haben zermürbende Arbeit kennengelernt und mussten sie für einen Lohn erbringen, der es uns nicht gestattete, den Hunger zu vertreiben, uns zu kleiden oder in anständigen Verhältnissen zu wohnen oder unsere Kinder als geliebte Wesen großzuziehen. (…) Wir kennen Spott, Beleidigungen, Schläge, die morgens, mittags und nachts unablässig ausgeteilt wurden, weil wir »Neger« waren. (…)

Wir haben erlebt, wie unser Land im Namen von angeblich rechtmäßigen Gesetzen aufgeteilt wurde, die tatsächlich nur besagen, dass das Recht mit dem Stärkeren ist. (…) Wir werden die Massaker nicht vergessen, in denen so viele umgekommen sind, und ebenso wenig die Zellen, in die jene geworfen wurden, die sich einem Regime der Unterdrückung und Ausbeutung nicht unterwerfen wollten.

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