03.07.2020 / Inland / Seite 5

Qualifizierte Billigjobberinnen

Studie: Fast acht Millionen werden im Niedriglohnsektor ausgebeutet

Christina Müller

Anfang der 2000er Jahre hatte die neoliberale Bertelsmann-Stiftung entschieden geholfen, mittels der »Agenda 2010« den Niedriglohnsektor in Deutschland kräftig auszuweiten. Nun beklagt sie das Ergebnis ihres Handelns: Billigjobs hätten zwar angeblich einstmals dazu beigetragen, »Langzeitarbeitslose und gering Qualifizierte in Arbeit zu bringen«. Heute allerdings entpuppten sie sich für die meisten – darunter vor allem Frauen und Ältere – als »Sackgasse«, heißt es in einer Studie, die die Stiftung am Donnerstag veröffentlicht hat.

Demnach erhielten 2018 rund 7,7 Millionen abhängig Beschäftigte einen Bruttolohn von weniger als 11,40 Euro pro Stunde. »Ein großer Teil von ihnen bekam sogar weniger als den gesetzlichen Mindestlohn«, führen die Autoren vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) aus, die die Studie erarbeitet hatten. Nur gut jeder vierte Betroffene schaffe es, aus der Billiglohnfalle herauszukommen. Insgesamt sei der Niedriglohnsektor seit den 1990er Jahren um mehr als 60 Prozent gewachsen.

Und die Erwerbsarmut bleibt weiterhin vor allem weiblich. »Frauen werden wesentlich häufiger als Männer schlecht bezahlt«, schreiben die Autoren. Ihren Analysen zufolge schuften rund 28 Prozent der erwerbstätigen Frauen und 16 Prozent der männlichen Beschäftigten zu Löhnen unterhalb der Niedriglohnschwelle. Sie stellten mit 61 Prozent den größeren Anteil an mies bezahlten Lohnabhängigen. Frauen gelinge zudem noch seltener als Männern der Aufstieg in besser entlohnte Jobs.

Ende des vergangenen Jahres hatte eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit ähnliches ergeben. Demnach sind besonders in Westdeutschland viele Frauen materiell an ihre Männer gebunden. Dort sind die Einkommensunterschiede zwischen den Geschlechtern besonders groß. Im Osten waren die Lohndifferenzen gering ausgeprägt – allerdings auf einem Armutslohnniveau für die Mehrheit.

Laut Bertelsmann-Studie werden auch junge Berufseinsteiger überproportional häufig in den prekären Sektor gedrängt. Ihnen gelinge es aber eher als Älteren, da wieder herauszukommen, heißt es. Gelungen sei dies jedem Dritten der unter 30jährigen innerhalb von vier Jahren, aber nur jedem fünften über 50jährigen. Schlechte Karten hat, wer sich mit sozialversicherungspflichtigen Minijobs über Wasser halten muss. Drei Viertel dieser Beschäftigten sind Niedriglöhner, heißt es.

Der Trend zeigt weiter abwärts. Zunehmend werden dem Datenwerk zufolge auch Arbeiten, für die eine höhere Qualifikation vorausgesetzt wird, miserabel vergütet. Inzwischen betreffe dies 40 Prozent der Niedriglohnjobs. Insgesamt verrichteten 2018 drei Millionen Menschen mit guter Ausbildung entsprechende Arbeiten zu billigsten Löhnen. Stiftungschef Jörg Dräger bedauerte mit Blick auf die Studie, dass dazu viele Branchen zählten, »die sich in der Coronakrise als systemrelevant erwiesen haben«. Konkret benannte er den Handel, die Nahrungsmittelindustrie, den Transport, das Sozial- und Gesundheitswesen.

Über die systembedingten Ursachen (Ausbeutungsverhältnis und Konkurrenzkampf beispielsweise) verlor Dräger freilich kein Wort. Vielmehr offenbare nun »die Coronakrise die Schattenseiten des Niedriglohnsektors«, ist er überzeugt. Insbesondere die Minijobber seien arm dran. Sie müssten nun »ohne das Sicherheitsnetz des Kurzarbeitergeldes« zurechtkommen und würden im Zuge der Viruspandemie schneller ihre Arbeit verlieren. Was er nicht sagte: Minijobber rutschen sofort in das maßgeblich von seiner Stiftung miterdachte Hartz-IV-System, weil ihnen kein Arbeitslosengeld zusteht. Und Hartz IV hat auch die Minijobs erst etabliert.

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