26.03.2020 / Ausland / Seite 2

Bolsonaro will »Normalität«

Pandemie breitet sich in Brasilien aus. Den Armen droht eine Katastrophe

Hannah Lorenz

Die Experten ignoriert er: In einer Ansprache am Dienstag abend (Ortszeit) hat sich Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro gegen Ausgangsbeschränkungen zur Eindämmung der Coronavirusinfektionen ausgesprochen. Die Wirtschaft dürfe nicht stillstehen. Den Medien warf der faschistische Staatschef vor, Panik zu schüren. Dazu hätten besonders die Berichte über die Opferzahlen in Italien beigetragen – »ein Land mit vielen Alten und einem völlig anderen Klima«. Ihm selbst drohe nicht mehr als eine »kleine Grippe oder kleine Erkältung«. Maßnahmen lokaler Behörden kritisierte Bolsonaro als »Konzept der verbrannten Erde« und forderte die Rückkehr zur Normalität.

Bolsonaros Umgang mit der Krise wird von Politikern aus verschiedenen Lagern als verantwortungslos bis kriminell kritisiert. Seit einer Woche finden landesweit abendliche Proteste gegen den Präsidenten statt, bei denen Menschen an ihren Fenstern auf Töpfe schlagen. Bisher wurden in Brasilien 2.271 bestätigte Covid-19-Erkrankungen gezählt, wobei von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen wird. Schwerpunkt ist São Paulo mit 40 der bisher 47 registrierten Todesfälle. Für den Bundesstaat wurden jetzt Ausgangsbeschränkungen verhängt. Stark betroffen ist auch Rio de Janeiro. Auch hier sollen die Bewohner möglichst zu Hause bleiben, steht das öffentliche und wirtschaftliche Leben weitgehend still. Im Internet verbreiteten zudem Drogenbanden wie auch paramilitärische »Milizen« Mitteilungen, in denen sie »Sperrstunden« in den von ihnen kontrollierten Vierteln ankündigen.

Als »vorübergehende Maßnahme« hatte die Regierung zunächst die Möglichkeit zur viermonatigen Aussetzung von Arbeitsverträgen sowie Bezahlung angekündigt. Am Montag dementierte Bolsonaro unter öffentlichem Druck die Pläne. Die von der Exekutive der Bevölkerung bisher angekündigten Schritte gegen eine soziale Katastrophe sind kaum symbolisch zu nennen. Das Heer der informell Tätigen und Scheinselbständigen steht unmittelbar vor dem Sturz ins Elend. Die Seuche gefährdet besonders Leben und Gesundheit der Favela-Bewohner. Mehr als 13 Millionen Brasilianer leben in den Elendsvierteln der Großstädte, häufig in beengten Wohnverhältnissen und unter schlechten sanitären Bedingungen. Besonders bedroht sind auch Brasiliens indigene Völker, denen die Regierung jeden Schutz entzogen hat.

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