14.02.2020 / Betrieb & Gewerkschaft / Seite 2

»Demokratie endet an Restauranttür«

Gewerkschaft NGG in Berlin-Brandenburg rief Beschäftigte bei Fast-Food-Ketten zum Warnstreik auf. Ein Gespräch mit Sebastian Riesner

Oliver Rast

Am 10. Februar wurde vor einzelnen Berliner Filialen bekannter Fast-Food-Ketten gestreikt. Was war der Anlass?

Die aktuell stockenden Tarifverhandlungen mit dem Bundesverband der Systemgastronomie. Für uns Anlass genug, um Warnstreiks in der Systemgastronomie durchzuführen. Ganz konkret: Wir fordern für die Beschäftigten einen Stundenlohn von zwölf Euro.

Aber: Woran hakt es bei den bundesweiten Lohnverhandlungen der Tarifpartner?

Nach zwei Verhandlungsrunden hat die Arbeitgeberseite lediglich angeboten, die unterste Entgeltgruppe auf einen Stundenlohn von 9,48 Euro festzulegen. Das sind gerade mal 0,13 Euro über dem gesetzlichen Mindestlohn. Die Arbeitgeber im Bundesverband der Systemgastronomie sind nicht bereit, für ihre Beschäftigten Entgelte zu zahlen, die als armutsfeste Löhne gelten können. Daher hat die Gewerkschaft NGG einen Einstiegslohn in der untersten Entgeltgruppe von mindestens zwölf Euro in der Stunde gefordert. Alle anderen Entgeltgruppen sollen natürlich entsprechend nach oben angepasst werden. Die angebotene Lohnhöhe seitens der Arbeitgeber empfinden die Beschäftigten als respektlos. Sie haben Löhne verdient, die jenseits des Mindestlohnniveaus liegen müssen.

Wie sieht der Joballtag der Beschäftigten in den Filialen aus?

Der ist von einer hohen Arbeitsbelastung geprägt. In der Regel wird im Schichtsystem gearbeitet. Teilweise bis zu drei Schichten am Tag, Feiertagsarbeit, Wochenendarbeit und mit kurzfristigen Dienstplanänderungen. Neben der physisch schweren Arbeit kommt auch noch die hohe Belastung durch den Arbeitskräftemangel hinzu. Und noch etwas belastet: Nicht jeder Gast geht respektvoll mit den Beschäftigten im Dienstleistungsbereich um. Die einzelnen berufsspezifischen Probleme spiegeln sich auch in einer Fluktuationsrate von bis zu 70 Prozent und mehr in einzelnen Unternehmen wider. Und klar: Die mangelnde Sozialkompetenz von Führungskräften ist auch nicht förderlich.

Wie viele Menschen arbeiten in Berlin und deutschlandweit bei Fast-Food-Ketten?

In Berlin arbeiten ca. 2.000 Menschen beim Branchenprimus McDonald’s, bei Starbucks sind es etwa 350 Beschäftigte. Hinzu kommen die Mitarbeiter anderer systemgastronomischer Betriebe wie zum Beispiel Nordsee, Burger King, Vapiano, L’Osteria, KFC oder Pizza Hut. Bundesweit zählt die Systemgastronomie rund 120.000 Beschäftigte.

Wie hoch ist der gewerkschaftliche Organisationsgrad unter den Beschäftigten, wie bereitwillig sind diese für Streiks?

Der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist je nach Unternehmen unterschiedlich, wie in anderen Branchen auch. Teilweise haben wir bis zu 70 Prozent der Beschäftigten gewerkschaftlich organisiert. Dort, wo wir zu Arbeitskampfmaßnahmen aufrufen, sind die Beschäftigten sehr wohl bereit, auch für ihre Interessen zu streiken. Dies hat sich in den vergangenen Tagen an vielen Stellen sehr deutlich gezeigt.

Mit welchen konkreten Zielen haben Sie als NGG die Initiative »Fast Food Workers United« gegründet?

Die NGG-Initiative »Fast Food Workers United« zielt kurzfristig natürlich auf eine deutliche Entgelterhöhung in der Systemgastronomie ab. Mittel- und langfristig geht es uns um weitere Verbesserungen der Arbeitsbedingungen. Es fehlen in der Branche immer noch eine betriebliche Altersvorsorge und weitere materielle Anreize, längerfristig als Beschäftigter im Gastrobereich zu bleiben. Ebenso geht es darum, dass die Arbeitgeberseite auch ihre tendenziell gewerkschafts- und betriebsratsfeindliche Einstellung aufgeben muss. Auch das hat etwas mit respektvollem Umgang mit den Beschäftigten zu tun. Demokratie darf nicht an der Eingangstür eines Fast-Food-Restaurants enden.

Was ist Ihrerseits geplant, um den Druck auf die Unternehmerseite weiterhin hochzuhalten?

Sollte die Arbeitgeberseite in der nächsten Tarifverhandlung Mitte Februar 2020 keine substantiellen Vorschläge machen, werden wir als Gewerkschaft NGG gemeinsam mit der Tarifkommission weitere flächendeckende Arbeitskampfmaßnahmen und Aktionen organisieren. Und zwar bundesweit. Das wird dann auch größere wirtschaftliche Auswirkungen für die Unternehmen haben.

Sebastian Riesner ist Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG), Region Berlin-Brandenburg

https://www.jungewelt.de/artikel/372539.gewerkschaftskampf-in-der-brd-demokratie-endet-an-restauranttür.html