25.01.2020 / Wochenendbeilage / Seite 4 (Beilage)

»Era Mare«

Im November 2019 erreichte Venedig ein Rekordhochwasser und überschwemmte nahezu alles. Ein fotografisch-solidarisches Projekt

Francesca Seravalle

Der Scirocco-Wind hörte um ein Uhr auf zu wehen, in jener Vollmondnacht, als die Lagune in Salzwasser ertrank. Es war Meer- und kein Brackwasser mehr. Am nächsten Tag zeigte sich der neue Meeresspiegel, der sich alle sechs Stunden hob und senkte, aber die Trachytpflastersteine konstant bedeckte. Venedig spiegelte sich jetzt auch in den Plätzen, deren Laternenpfähle als Anlegestellen für Boote dienten. Wochenlang weckten die Sirenen die Venezianer um halb sechs Uhr morgens und verwandelten die Chronik eines Notfalls in einen chronischen Notfall – eine postapokalyptische Schönheit.

Das ruhige, stille Wasser löschte die klaren Linien zwischen den Fondamenta (venezianische Gehwege) und den Kanälen, verschluckte die Straßen und isolierte die Brücken, Treffpunkt der wenigen verbliebenen Einwohner. Ab und zu tauchte für einige Stunden die untergegangene Welt wieder auf und zeigte prächtige byzantinische Mosaiken, palladianische und venezianische Terrazzoböden. Bevor es sich zurückzog, nahm das Wasser ein Stück der Stadt mit: Steinsäulen, Boote und sogar Kioske.

Es war eine sich ständig verändernde Landschaft. Neue Arten von Flora und Fauna ersetzten die vorherigen. Kakteen tauchten in den Höfen dieser Wasserwüste auf. Touristen gab es nur noch wenige und Venedig glänzte mit einer neuen zweifelhaften Schönheit. Die Serenissima war zum experimentellen Lebensraum geworden, in dem eine fast amphibische Population Widerstand leistete, neue Wege in Betracht zog und hoffte, trockener und zahlreicher aufzuwachen.

»Era Mare« ist ein Solidaritätsprojekt von Matteo de Mayda, Andrea Codolo, Giacomo Covacich und Francesca Seravalle für die Bewohner Venedigs, die der Flut zwischen dem 12. und 28. November 2019 ausgesetzt waren. Die Initiatoren wollten aus Respekt vor den Betroffenen keine Chronik der Schäden erstellen, sondern die schwebende und zerbrechliche Atmosphäre Venedigs, seiner Lagune und der Venezianer darstellen. Die Bilder werden von ungewissen und dystopischen Texten begleitet, die dazu einladen sollen, über die Zukunft der Stadt nachzudenken. Der Erlös des entstandenen Buches (24 Seiten, italienisch/englisch) geht an den Kulturverein Do. Ve, der sich für den Erhalt und die Aufwertung des Dorsoduro-Viertels einsetzt.

»Era Mare« kann gegen Spende unter eramare.b-r-u-n-o.it erworben werden.

https://www.jungewelt.de/artikel/371331.hochwasser-venedig-era-mare.html