25.01.2020 / Ausland / Seite 6

Wer mag Sanders?

Kurz vor Beginn der Vorwahlen in den USA werden Gegensätze innerhalb der Demokratischen Partei sichtbar

Stephan Kimmerle, Seattle

Zwei Wochen vor dem Start der Vorwahlen der Demokratischen Partei um die Präsidentschaftskandidatur im Bundesstaat Iowa am 3. Februar wird der Ton rauher. »Niemand mag ihn, niemand will mit ihm arbeiten, er kriegt nichts hin«, urteilt Hillary Clinton in der Dokumentation »Hillary« des Streamingdienstes »Hulu« über den Präsidentschaftskandidaten Bernard »Bernie« Sanders. The Hollywood Reporter zitierte am 21. Januar vorab aus dem Film, der Anfang März ausgestrahlt werden soll. Die frühere Senatorin, Außenministerin und an Trump gescheiterte Präsidentschaftskandidatin nennt Sanders darin abfällig einen »Berufspolitiker«.

Elizabeth Warren brach bereits am 14. Januar den bislang zwischen ihr und Sanders eingehaltenen Waffenstillstand auf der Parteilinken der Demokraten. Vor Millionenpublikum am Ende einer Fernsehdebatte verweigerte die Senatorin aus Massachusetts Sanders den Handschlag, weil er in einem privaten Gespräch vor einem Jahr geäußert habe, dass eine Frau die US-Präsidentschaftswahl nicht gewinnen könne. Sanders bestreitet das vehement und verweist darauf, dass er Warren vor vier Jahren gedrängt habe anzutreten, bevor er selbst ins Rennen um die Präsidentschaftskandidatur eingestiegen sei.

Hintergrund sind die für Sanders relativ günstigen Umfragewerte, die andere Kandidaten und das Parteiestablishment nervös machen. Am Mittwoch veröffentlichte CNN eine US-weite Erhebung, in welcher der sich selbst als demokratischen Sozialisten bezeichnende Sanders zum ersten Mal vorne liegt. 27 Prozent der registrierten Wähler, die angaben, die Demokraten zu unterstützen, sprachen sich demnach für den Senator aus Vermont aus. 24 Prozent favorisierten den früheren Vizepräsidenten Joseph Biden vom moderaten Flügel, 14 Prozent die Senatorin Elizabeth Warren. Der moderate Bürgermeister von South Bend in Indiana, Peter Buttigieg, erzielte elf und der Milliardär Michael Bloomberg kam auf fünf Prozent.

Erschwert wird der Wahlkampf für Sanders und Warren dadurch, dass sie als Senatoren aktuell im US-Senat beim Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump in Washington D. C. benötigt werden und nicht durch die Bundesstaaten mit den anstehenden Vorwahlen touren können.

»Vor zwanzig Jahren wäre die Idee, ein Sozialist könne die Partei übernehmen und im Vorwahlkampf vorne liegen, blanker Unsinn gewesen«, kommentierte die Washington Post am 21. Januar. »Aber die Leitplanken unserer Parteinormen sind schwach. Trump durchbrach sie. Zum Besseren oder zum Schlechteren – Sanders hat eine Chance, das gleiche zu tun«, so das Blatt, das zu den Besitztümern des Amazon-Chefs Jeffrey Bezos gehört.

Seit Wochen wird darüber spekuliert, ob führende Demokraten Sanders unterstützen würden, sollte er das parteiinterne Rennen machen. Clinton ließ dies explizit offen. Alexandria Ocasio-Cortez, als Abgeordnete der Demokraten im US-Repräsentantenhaus, erläuterte das Paradox Anfang Januar im New York Magazine so: »In jedem anderen Land wären Joe Biden und ich nicht in derselben Partei, aber in Amerika sind wir es.« Die Demokraten seien eine Partei der konservativen Mitte. »Wir haben keine linke Partei in den USA«, so Ocasio-Cortez gegenüber dem Nachrichtenportal Truthdig am 21. Januar. Doch genau in dieser Partei versucht sich Sanders mit Ocasio-Cortez’ Hilfe durchzusetzen – und Millionen Menschen spendeten, Hunderttausende beteiligten sich an Wahlkampfaktionen des linken Demokraten.

Im Durchschnitt aller landesweiten Umfragen sieht die Nachrichtenseite Five-Thirty-Eight Biden immer noch mit sechs Prozentpunkten vor Sanders, doch sein Vorsprung schrumpfte in den letzten zwei Monaten um vier Punkte. Wer hat also die besten Chancen, als demokratischer Herausforderer von US-Präsident Donald Trump ins Rennen zu gehen? Im Mittel der verschiedenen Wettanbieter musste man laut Nachrichtenportal Real Clear Politics am 21. Januar 37,30 Dollar bezahlen, um 100 Dollar im Falle einer Nominierung von Biden zu gewinnen. Den gleichen Gewinn im Falle eines Erfolgs von Sanders gab es für 30,70 Dollar. Bloomberg und Warren folgten mit rund zwölf Dollar und Buttigieg lag abgeschlagen bei 7,50 Dollar.

https://www.jungewelt.de/artikel/371289.präsidentschaftswahlkampf-usa-wer-mag-sanders.html