14.01.2020 / Sport / Seite 16

Zirkus im Rauch

Premierenquatsch und dritte Geige: Die Tennissaison vor den Australian Open

Peer Schmitt

Das Qualifikationsturnier der Australian Open beginnt heute im Zeichen verheerender Flächenbrände vor allem im Südosten des Landes. Die Katastrophe war bisher das Thema der australischen Tennissaison. Kaum einer, der bei einem der Turniere teilnahm, ließ es sich nehmen, an Hilfsorganisationen zu spenden. Allen voran die derzeit prominenteste australische Spielerin, die Weltranglistenerste Ashleigh Barty, die in Brisbane ihr gesamtes Preisgeld spendete. In der Einzelkonkurrenz verlor sie allerdings gleich ihr erstes Match gegen die Qualifikantin Jennifer Brady (USA). Im Doppel an der Seite von Kiki Bertens erreichte Barty immerhin das Finale. Dort verloren die beiden gegen das aktuell wohl weltbeste Damendoppel Barbora Strycova/Hsieh Su-Wei.

Beim neu ins Leben gerufenen ATP-Cup, einem Nationalteamwettbewerb nach Art des Davis Cups, standen zunächst diverse Wutausbrüche, Schimpfkanonaden und sonstige Ausfälle von Spielern wie Alexander Zverev, Stefanos Tsitsipas oder ­Daniil Medwedew im Zentrum. Der für diese Art Mätzchen berüchtigte Nick Kyrgios wiederum zeigte sich als Gentleman und konzentrierte sich auf die Wohltätigkeit. Sportlich hatte er nebenbei auch Erfolg und erreichte mit dem australischen Team das Halbfinale, das gegen die von Rafael Nadal angeführten Spanier verloren ging. So kam es bei der Weltpremiere, wie es kommen musste. Man trommelte 24 »Nationalmannschaften« aus aller Welt zusammen, ließ sie in Perth, Brisbane und Sydney unter recht unübersichtlichen Regularien gegeneinander antreten, nur um am Ende einmal mehr, diesmal als Begegnung zwischen Spanien und Serbien getarnt, bei dem ewigen Duell zwischen Rafael Nadal und Novak Djokovic zu landen, dem insgesamt 55.

Gespielt wurde in Sydney wegen Hitze und Luftverschmutzung unter dem brandneuen geschlossenen Dach der Ken-Rosewall-Arena. Unter Hallenbedingungen hatte Nadal gegen Djokovic noch nie eine Chance. Auch diesmal nicht. Der Serbe gewann 6:2, 7:6, und im entscheidenden Doppel triumphierte Serbien mit Djokovic und Viktor Troicki gegen Pablo Carreño Busta und Feliciano López (6:3, 6:4). Der amtierende Olympiasieger im Doppel, Nadal, war zu diesem Match erschöpft nicht angetreten.

Auch bei den Australian Open in Melbourne wird die Frage sein, ob die Rauchschwaden über den Spielern genügend Luft zum Atmen lassen werden. Die Prognosen sind nicht gut. Nadal gehört trotz seiner Finalteilnahme zu den Kritikern des unübersichtlichen ATP-Cups, der die Tradition der Vorbereitungsturniere auf die Open über den Haufen wirft. So beschwerten sich beim WTA-Turnier in Brisbane Spielerinnen wie Maria Scharapowa und Sloane Stephens explizit darüber, dass die WTA plötzlich nicht mehr nur die zweite, sondern praktisch die dritte Geige spielen soll. Beide Spielerinnen schieden bereits in der ersten Runde aus. Ihnen ist dennoch Recht zu geben.

Kaum hatte der ATP-Zirkusquatsch die Stadt Brisbane in Richtung Perth und Sydney verlassen, präsentierte sich dort ein WTA-Turnier von exzellenter sportlicher Qualität. Madison Keys lag im Halbfinale gegen Petra Kvitova bereits 2:6, 0:2 zurück, setzte sie sich im dritten Satz 6:3 durch. Das Finale ging an die tschechische Titelverteidigerin Karolina Pliskova (6:4, 4:6, 7:5). Trotz der hohen Qualität des diesjährigen Vorbereitungsturniers wird plötzlich über die Einführung eines WTA-Cups für die kommende Saison spekuliert. Doch selbst mehrfache Fed-Cup-Gewinnerinnen wie Pliskova und Kvitova zeigten sich auf Anfrage an der Einführung eines Team-Wettbewerbs analog zur ATP nicht übermäßig interessiert.

Währenddessen gewann Serena Williams im neuseeländischen Auckland das erste Turnier seit ihrer Rückkehr aus der Mutterschaftspause. Interessant, wie die 38jährige im Halbfinale die 18jährige Zukunft der WTA, Amanda Anisimova, immerhin 22. der Weltrangliste, mit 6:1, 6:1 abfertigte. Es geht weiterhin alles mit rechten Dingen zu. Das Finale gewann Williams 6:3, 6:4 gegen ihre Landsfrau Jessica Pegula. Die älteste Siegerin eines WTA-Turniers bleibt vorerst noch Billie Jean King mit 39 Jahren. Williams hat aber nun als erste Spielerin der Geschichte in vier Dekaden jeweils ein Turnier gewonnen.

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