14.01.2020 / Feuilleton / Seite 10

Feststellungen

Helmut Höge

Der Strukturalist Roland Barthes schreibt in seinem berühmten Werk »Mythen des Alltags«: »Der Mythos leugnet nicht die Dinge, seine Funktion besteht im Gegenteil darin, von ihnen zu sprechen. Er reinigt sie nur einfach, er macht sie unschuldig, er gründet sie als Natur und Ewigkeit, er gibt ihnen eine Klarheit, die nicht die der Erklärung ist, sondern die der Feststellung.«

Dazu fand ich kürzlich ein schönes Beispiel: Der ehemalige Grünen-Politiker Matthias Berninger ist seit 2019 Leiter des Bereichs »Öffentlichkeit und Nachhaltigkeit« ausgerechnet im Konzern Bayer-Monsanto. Dem Handelsblatt (22.12.2019) erzählte er in einem Interview: »Glyphosat ist gut fürs Klima.« Dieses Allroundgift – für Pflanzen, Tiere und Menschen – sei zwar in der Produktion recht CO2-intensiv. Aber durch seinen Einsatz werde das Dreifache an CO2 wieder eingespart. Bayer-Monsanto war zuvor von einem Gericht in Kalifornien zu fast 1,8 Milliarden Euro Bußgeld plus 49 Millionen Euro Schadensersatz verurteilt worden, die der Konzern an zwei Farmer zahlen muss. Beide leiden an Krebs, beide führen das auf ihren langjährigen Umgang mit Monsantos glyphosathaltigem Ackergift »Roundup« zurück.

Die Zeit (16.5.2019) ergänzte: »Die Entscheidung des kalifornischen Gerichts ließ Bayers Aktienkurs um weitere 2,3 Prozent auf den Tiefpunkt von 55,15 Euro sinken. Denn mit dieser Strafsumme stellte die Jury die jeweils rund 80 Millionen Dollar weit in den Schatten, die in zwei vorausgegangenen Prozessen den Klägern zugesprochen worden waren.« Und es stehen noch Hunderte weitere Klagen an. Bayer-Monsanto geht gegen das jetzige Urteil in Berufung und versucht, alle US-amerikanischen Kläger mit einer Pauschalsumme abzufinden. Zu dem Interview mit dem ehemaligen Grünen-Politiker ergänzte wiederum das Handelsblatt: »Gegen den Anwalt eines der Kläger im vorangegangenen Glyphosat-Prozess werden schwere Vorwürfe erhoben: Timothy Litzenburg soll 200 Millionen Dollar als Schweigegeld von einem Pflanzenschutzzulieferer verlangt haben.« In der NZZ (18.12.2019) heißt es: »Litzenburg ist dank dem überraschenden Erfolg (…) ein Gesicht der Anklage gegen Monsanto bzw. Bayer geworden und tritt deshalb auch regelmäßig in der deutschen Presse auf. Dabei gibt er sich als Vertreter der Kleinen gegen die großen Konzerne aus.«

Nachdem Focus (5.7.2019) getitelt hatte: »Forscher sicher: Ein simples Mittel kann den Klimawandel fast im Alleingang stoppen«, muss sich der ehemalige Grüne Matthias Berninger gedacht haben: Das ist es, wir müssen bei Glyphosat auf die Nachhaltigkeit setzen. Mithin von der Vergiftung einzelner hier und da wegkommen und uns mit unserem weltweit verbreiteten Gift dem größeren Weltproblem »Klima« als Lösung zuwenden.

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