07.01.2020 / Inland / Seite 5

Versteckte Erwerbslose

Krank, älter oder in Maßnahmen: Fast eine Million Menschen ohne Job tauchen in der offiziellen Statistik nicht auf

Susan Bonath

Ökonomen prophezeien seit Monaten »trübe Konjunkturaussichten« für die größte Wirtschaftsmacht Europas. Auch die Bundesagentur für Arbeit (BA) ist inzwischen vorsichtiger mit der Beschwörung eines robusten deutschen Arbeitsmarktes geworden. Ihren Statistikmodellen zufolge ist die Erwerbslosenzahl erstmals nach sechs Jahren im Vergleich zum Vorjahr wieder gestiegen. Die BA sprach vergangenen Freitag von einer »konjunkturellen Schwächephase«. Dabei ist das offizielle Zahlenwerk der Behörde nach wie vor nur die halbe Wahrheit. Fast eine Million Erwerbslose tauchen darin weiterhin nicht auf.

Aus der Dunkelheit des Statistikdschungels ans Tageslicht gehievt hat die versteckten Erwerbslosen am Montag das Onlineportal O-Ton Arbeitsmarkt, für das der Sozialwissenschaftler Stefan Sell verantwortlich zeichnet. Danach kommen zu den für Dezember 2019 offiziell gemeldeten knapp 2,23 Millionen Menschen ohne Lohn und Brot insgesamt 929.000 hinzu, die nur als »unterbeschäftigt« ausgewiesen sind, obwohl sie über kein Erwerbseinkommen verfügen und von einer Arbeitsagentur oder einem Jobcenter betreut werden. Davon nahmen 681.000 Menschen an einer arbeitsmarktpolitischen Maßnahme teil, wie diverse Förderkurse, Bewerbungstrainings oder Ein-Euro-Jobs. Knapp 75.000 Betroffene waren vorübergehend erkrankt und deshalb aus der Statistik herausgefallen. Mehr als 173.000 Männer und Frauen hatte die BA zudem herausgefiltert, weil sie das 58. Lebensjahr überschritten hatten.

»Insgesamt ergibt sich so eine tatsächliche Arbeitslosenzahl von annähernd 3,16 Millionen Menschen«, informierte O-Ton Arbeitsmarkt. Nicht für die offizielle Bekanntgabe mitgezählt wurden damit in etwa genauso viele Erwerbslose wie ein Jahr zuvor im Dezember 2018. Der BA-Statistik für Unterbeschäftigung zufolge erhielten darüber hinaus 20.500 Personen einen Existenzgründungszuschuss oder ein Einstiegsgeld für den Versuch, sich selbständig zu machen. Gar nicht erfasst werden weiterhin Erwerbslose, die etwa aufgrund eines Partnereinkommens kein Anrecht auf Hartz-IV-Leistungen haben.

In sogenannten Bedarfsgemeinschaften, also Familien im Hartz-IV-Bezug, lebten zuletzt rund 5,6 Millionen Menschen einschließlich etwa 1,8 Millionen Kindern. Interessant ist, dass von den 3,76 Millionen erwerbsfähigen Hartz-IV-Beziehern weniger als 1,4 Millionen als aerwerbslos gelten. Das bedeutet: Fast zweieinhalb Millionen erwachsene Hartz-IV-Bezieher gehen entweder einem Job nach, waren zum Zeitpunkt der Auswertung krank geschrieben, über 58 Jahre alt oder befanden sich in einer Maßnahme. Insgesamt ist die Zahl der Leistungsberechtigen binnen eines Jahres um rund 280.000 auf 5,36 Millionen gesunken. Mehr als 200.000 Kinder in Bedarfsgemeinschaften erhielten gar keine Leistungen.

Dennoch lobte die BA einen weiteren Zuwachs an sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Knapp 34 Millionen Menschen hatten ihren Angaben zufolge im Oktober einen solchen Arbeitsplatz, knapp 40.000 mehr als im September und sogar fast eine halbe Million mehr als ein Jahr zuvor. Allerdings nimmt der Anteil an sozialversicherungspflichtigen Teilzeitjobs kontinuierlich zu, vor allem Frauen bleibt oft nichts anderes übrig. 2018 arbeitete bereits knapp die Hälfte der weiblichen Beschäftigten weniger als 35 Wochenstunden – mit entsprechenden Lohneinbußen. Im Jahr 2000 waren es 38 Prozent. Bei den Männern arbeitete nur etwa jeder Neunte in Teilzeit, allerdings hat sich ihre Zahl binnen 18 Jahren mehr als verdoppelt.

Zum Ende des vergangenen Jahres nahm zudem die Anzahl der gemeldeten offenen Stellen kontinuierlich ab. Im Dezember waren im BA-Portal mit 687.000 fast 100.000 Jobs weniger als ein Jahr zuvor ausgeschrieben. Die »Nachfrage nach neuen Mitarbeitern« nehme weiterhin deutlich ab, so die Behörde. Zwar gebe es fachspezifische Besetzungsschwierigkeiten, etwa im Baugewerbe, im technischen Bereich sowie in Gesundheits- und Pflegeberufen. »Von einem allgemeinen Fachkräftemangel kann man aber nach wie vor nicht sprechen«, führte sie aus.

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