18.12.2019 / Inland / Seite 5

Moderne Nächstenliebe

Geheimvertrag zwischen TU München und Facebook aufgetaucht. US-Konzern erhält Mitspracherecht bei Personalfragen.

Ralf Wurzbacher

An der Technischen Universität München (TUM) wird Ethik ganz groß geschrieben. Nicht erst seit sie vor zwei Jahren den Discounter Lidl als Partner ins Boot holte, um sich 20 Lehrstühle auf Rechnung der Dieter-Schwarz-Stiftung sponsern zu lassen. Ethik hat an der TUM eine lange Tradition. Die Vorzeigeuni hält das Andenken von vier Nazis hoch, die in der Ahnengalerie bis heute als »Ehrensenator« oder mit einem »Doktor ehrenhalber« renommieren. Der Campus beherbergt neuerdings sogar ein »Institut, das sich der Erforschung der »ethischen Implikationen der künstlichen Intelligenz« widmet. Die Einrichtung wurde im Oktober eröffnet und soll in den kommenden fünf Jahren rund 6,5 Millionen Euro zur Verfügung haben.

Das Geld kommt – ganz selbstlos – vom Social-Media-Giganten Facebook. Bei der Bekanntgabe der Kooperation im Januar 2019 hatten sich trotzdem ein paar Miesepeter zu Wort gemeldet und den Ausverkauf der Wissenschaft beklagt. Die Uni werde »zum verlängerten Marketingarm von Facebook«, monierte etwa der Aalener Ökonom Christian Kreiß, und die Grünen im Bayerischen Landtag unkten, der Forschung würden »goldene Zügel« angelegt. Natürlich gebe es keine Auflagen durch den US-Konzern oder gar eine Berichtspflicht, konterte der zum Institutsdirektor berufene Christoph Lütge, das Ganze sei eine »Win-win-Situation«, wobei klar wäre: »Wir sind unabhängig.«

Lütge weiß, wovon er spricht. »Man kann das Eigeninteresse – innerhalb der geeigneten Rahmenordnung – gewissermaßen als eine ›moderne Form der Nächstenliebe‹ begreifen«, schrieb er in seinem Buch »Wirtschaftsethik«. Und Nächstenliebe praktiziert eben auch Facebook, indem es etwa ein weltumspannendes Überwachungsnetz unterhält, Daten von Abermillionen Nutzern verschleudert und durch seine Verwicklung in die Cambridge-Analytica-Affäre vielleicht sogar Donald Trumps Sieg im US-Präsidentschaftswahlkampf befördert. Kein Vorwurf! Vom Eigeninteresse an Milliardenprofiten hat am Ende doch jeder etwas, zum Beispiel: null Privatsphäre.

Das werden irgendwann auch diejenigen begreifen, die jetzt von neuem gegen das Projekt giften. Inzwischen ist nämlich eine schriftliche Vereinbarung zwischen der TUM und Facebook aufgetaucht, die die Modalitäten der Finanzierung festhält. Dabei beißt sich der Inhalt des Dokuments in mehreren Punkten mit der bisherigen Darstellung der Beteiligten. Betont wird zwar, das »unbeschränkte« Forschungsgeschenk (»Gift«) – also die in Aussicht gestellten 7,5 Millionen Dollar (6,7 Millionen Euro)– sei völlig frei und dürfe gänzlich unabhängig verwendet werden. Allerdings behält sich der Geldgeber das Recht vor, nach Zahlung der ersten Tranche von 1,5 Millionen Dollar die Spendierhosen auch wieder auszuziehen (»continue or terminate«). Über eine weitere Bezuschussung fürs Folgejahr soll demnach stets bis zum 30. November entschieden werden.

Wieder ist es Christian Kreiß von der Hochschule Aalen, der nach dem Haar in der Suppe sucht. »Wie frei und unabhängig« könnten die Forschenden sein, »wenn ständig das Damoklesschwert« über ihnen schwebte, dass der Geldhahn abgedreht wird, »falls nicht Facebook-genehme Forschung herauskommt«, schrieb er in einem Beitrag für das Webportal Telepolis vom Montag.

Gegenfrage: Wie sollte das passieren bei zwei Partnern, deren Eigeninteressen (mutmaßlich) identisch sind? Von Ex-TUM-Präsident Wolfgang Herrmann, der den Facebook-Deal eingefädelt hat, ist schließlich dieser Satz überliefert: »Hochschulen sind in Deutschland chronisch unterfinanziert, warum sollte man dann nicht das Geld aus der Wirtschaft bei gleichen Wertevorstellungen nehmen?«

Und wieso sollte Facebook dann nicht auch darauf beharren dürfen, dass Institutsleiter Lütge vertragsgemäß nur mit »vorheriger schriftlicher Zustimmung« ersetzt werden darf? Er selbst jedenfalls hält die Klausel für formal üblich und sieht sich dadurch »nicht unter Druck« gesetzt, geschweige denn irgendwie vereinnahmt, wie er der Süddeutschen Zeitung (SZ) vom vergangenen Freitag sagte. Vielmehr habe die Zusammenarbeit für Facebook einen »Reputationseffekt«, in dem Konzern setze nach seiner Meinung ein Umdenken ein. Im übrigen findet Lütge es »wesentlich vertrauenswürdiger, Geld von einem Unternehmen zu nehmen als von einer Einzelperson«. Folgerichtig unterzeichneten am Montag die TUM, der Freistaat Bayern und der deutsche Softwareriese SAP einen Vertrag zur Errichtung eines Neubaus, unter dessen Dach künftig 600 SAPler mit 130 Forschern Projekte vorantreiben sollen. SAP steuert 100 Millionen Euro bei – aus reiner Nächstenliebe, versteht sich.

https://www.jungewelt.de/artikel/368989.unabhängige-forschung-moderne-nächstenliebe.html