10.12.2019 / Schwerpunkt / Seite 3

»Wir werden weiterhin Widerstand leisten«

Die Situation der »Amauta« in Bolivien. Ein Gespräch mit Willka Victor Machaca Quispe

Björn Brunner und Araceli Gómez, La Paz

Sie sind ein »Amauta«. Was bedeutet das?

Ein Amauta ist ein Weiser, ein spiritueller Führer, eine Person mit einer sehr starken Verbindung zur Natur, zur Erde, zu den Tieren und den Pflanzen. Wir glauben, dass wir Menschen aus der Mutter Erde entstanden und somit ein Teil von ihr sind. Deshalb behandeln wir die Natur wie unsere Mutter.

Was ist die Geschichte der Amautas?

Es ist eine Geschichte des Widerstands. Seit der spanischen Invasion wurden die Amautas verfolgt und getötet, insbesondere von katholischen Priestern, die uns als Gefahr identifizierten, da wir unsere Gemeinschaften organisierten und sie geistlich leiteten. Ähnlich erging es uns nach der formellen Unabhängigkeit. So war es üblich, dass Missionare uns als Kinder des Teufels brandmarkten, die getötet werden müssen. Obwohl wir unsere Identität mit der Unterstützung der Gemeinschaft im Verborgenen behielten, wurde unsere Rolle als politische Führer sichtbar. So gab es 1952, während der ersten Amtszeit des Präsidenten Víctor Paz Estenssoro, eine Zusammenarbeit mit den Amautas. Diese Zeit war schön, weil das Militär das eigene Volk nicht bekämpfte. Aber später, als sie sich mit der »Falange Socialista Boliviana«, einer Partei mit Nazieinflüssen, einließen, wurden wir verfolgt und mussten wieder in den Untergrund.

Wie hat sich die Situation in den letzten Jahren verändert?

Wir haben unsere Kultur und Identität nie aufgegeben. 1990 zum Beispiel mit dem ersten »Marsch indigener Völker für Land und Territorium« ist uns am Verhandlungstisch mit der damaligen Regierung bewusst geworden, dass die damals gültige Verfassung rassistisch und rückständig war. So begann unser Kampf für ein »gutes Leben« und eine Verfassungsänderung, von der alle profitieren, auch zum Beispiel Transvestiten und Schwule. Schließlich haben wir unser Ziel 2009 erreicht. Unter der neuen Verfassung sind wir alle gleich, Frauen und Männer. Rassismus ist unter Strafe gestellt. Außerdem haben die indigenen Völker weitgehende Autonomie über ihr Land erhalten, unsere Feiertage wie der 21. Juni, das Neujahr der Aymara-Indigenen, sowie die »Wiphala« (Fahne mehrerer Andenvölker, jW) als Staatsflagge, die alle indigenen Völker repräsentiert, wurden offiziell anerkannt.

Wie geht es mit den Amautas nach dem rechten Putsch weiter?

Wir werden weiterhin Widerstand leisten und für unsere Ideale kämpfen. Luis Camacho und der wachsende Einfluss der Kirche in unseren Gemeinden stellen eine Gefahr dar. Wir Amautas verfügen jedoch über eine lange Tradition gewerkschaftlicher, organisatorischer Erfahrungen und stehen in tiefem Kontakt zu Mutter Erde. Ich war zum Beispiel Vorsitzender der »Confederación Sindical Única de Trabajadores Campesinos de Bolivia«, einer der größten Bauernorganisationen, und zusammen mit den Schwestern der Organisation »Bartolina Sisa«, der größten Bäuerinnenorganisation Boliviens, haben wir gelernt, wie man gemeinsam den Widerstand aufbaut. Ich bin der festen Überzeugung, dass die momentane Entwicklung nur vorübergehend ist. Diejenigen, die mit der Bibel gekommen sind wie 1532, die unseren Glauben und unsere Symbole dämonisieren, haben sich durch die Toten selbst disqualifiziert.

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