18.11.2019 / Schwerpunkt / Seite 3

»Macron ist kein legitimer Präsident«

»Gelbwesten« als bevorzugtes Objekt soziologischer, philosophischer und politikwissenschaftlicher Analysen. Kritik und Zuspruch in etwa gleich

Hansgeorg Hermann, Paris

Das hochangesehene Soziologenehepaar Monique und Michel Pinçon-Charlot begreift die »Gilets jaunes« als ein wahres Geschenk an die Gesellschaft. »Sie sind dabei, uns den Dienst des Jahrhunderts zu liefern«, schrieben sie in einem Essay, den der Verlag »Editions La Découverte« im Frühjahr veröffentlichte. »Was uns wirklich frappiert, ist das Klassenbewusstsein, das sich über die sozialen Netze konstruierte. Da die politische Sphäre nicht mehr existiert, weil sie von der Finanzwelt gekauft wurde, ist Emmanuel Macron kein legitimer Präsident mehr. Er ist Chef des Unternehmens, des Startups Frankreich. Es ist interessant, die Gelbwesten zu sehen, wie sie sich direkt an diesen Chef des Unternehmens wenden, der verantwortlich dafür ist, dass Millionen Menschen nicht mehr essen können, wenn sie Hunger haben – derart haben die unkontrollierten Steuergeschenke an die Reichsten einen großen Teil der unteren und mittleren Klassen arm gemacht.«

Das Pariser Politikmagazin Lignes veröffentlichte bereits im Mai eine Sammlung von Texten, die eine bisweilen sehr unterschiedliche Bewertung der Bewegung verdeutlichen. Für den Philosophen Jacob Rogozinski verdienen die Gelbwesten »unsere Bewunderung und Unterstützung«, weil sie sich »dem Rassismus nicht untergeordnet haben«, der zeitweise von den Faschisten des Rassemblement National (RN) in ihre Reihen getragen worden war. Die Bewegung habe bewusst »den Demos, das Volk als Ausdruck der Gleichheit, gegenüber dem Ethnos, das Volk als Ausdruck des Nebeneinanders, bevorzugt«. Die Historikerin Sophie Wahnich, Spezialistin für die Französische Revolution, erklärt: »Ob sie (die Bewegung) nun erfolgreich sein oder versagen wird, gleichgültig, ob sie Elend und Scheußliches akkumuliert – was zählt, ist die Sympathie der Hoffnung.«

Weniger enthusiastisch analysiert der Philosoph Alain Badiou den Aufstieg der »Gelbwesten«. Er kritisiert vor allem das von ihm so genannte Phänomen des »Degagismus« – des gewaltsamen oder friedlichen Entfernens einer Führungspersönlichkeit, in diesem Fall Macron, ohne eine Theorie, eine Ideologie oder zumindest eine Art Plan für die »Zeit danach« vorzuhalten. Eine Entwicklung, die er im sogenannten arabischen Frühling beobachtet und die »zu den bekannten Ergebnissen« in Libyen, Ägypten und Syrien geführt habe. Badiou: »Ich sehe nichts, was mich anspricht, interessiert oder mobilisiert.« Der Autor des Essays »Die kommunistische Hypothese« ergänzt: »Dieser sympathische Karneval kann mich nicht beeindrucken. (…) Wir haben auf der einen Seite einen Staat, den Notwendigkeiten des weltweiten Marktes unterworfen, und auf der anderen eine Protestbewegung populärer Allüre mit vager, schüchterner, nationalistischer Vision, gestrickt aus falschen Parolen, dessen einziger, auf parlamentarischer Ebene organisierter Teil die extreme Rechte ist. (…) Es handelt sich um einen Konflikt, der zwei Protagonisten gegenüberstellt – ohne politische Konsistenz und ohne Träger einer egalitären Zukunft zu sein.«

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