23.10.2019 / Antifa / Seite 15

»Stolpersteine« im ländlicheren Raum

Antifaschistische Gruppen in Kleinstädten oft auf sich allein gestellt. Erfolge umso bemerkenswerter

Markus Bernhardt

Bereits seit 1992 verlegt der Künstler Gunter Demnig in der Bundesrepublik, aber auch in 23 anderen europäischen Ländern »Stolpersteine«, um an Menschen zu erinnern, die in der Zeit des deutschen Faschismus ermordet, deportiert oder in den Suizid getrieben wurden. Die Stolpersteine, die aus 96 mal 96 Millimeter großen Messingplatten, auf denen biographische Daten der Nazi­opfer eingraviert sind, werden von dem Künstler vor den Eingängen der einstigen Wohnhäuser der Verfolgten in den Boden eingelassen. Was im Gros der Metropolen und Großstädte mittlerweile zum Alltag gehört, ist in kleineren Städten und Kommunen keineswegs selbstverständlich. Hier sind antifaschistische Initiativen, die Wert auf ein lokales Gedenken und eine entsprechende Erinnerungsarbeit legen, meist weitestgehend auf sich gestellt. Sie müssen nicht nur die Kosten für die Erstellung und Verlegung der Stolpersteine aufbringen, sondern auch die biographischen Daten und weitere Informationen zu den Opfern recherchieren, bei denen es sich unter anderem um Jüdinnen und Juden, Antifaschisten, Homosexuelle und Angehörige anderer gesellschaftlicher Minderheiten (wie etwa Anhänger von Religionsgemeinschaften oder von den Nazis als asozial oder kriminell diffamierte und verfolgte Personengruppen) handelt.

In der bei Karlsruhe gelegenen baden-württembergischen Kreisstadt Ettlingen hat sich das dort bereits seit 2005 aktive »Ettlinger Bündnis gegen Rassismus und Neonazis« in den letzten Jahren der lokalen Gedenkkultur gewidmet und bereits seit 2006 der Verlegung von Stolpersteinen. In mühevoller Kleinarbeit haben die Mitglieder des engagierten Zusammenschlusses in Archiven die Biographien der Opfer recherchiert, den örtlichen Gemeinderat davon überzeugt, die Verlegung der Stolpersteine zu unterstützen und Patinnen und Paten zur Finanzierung der Gedenksteine zu finden. »Mittlerweile erinnern in Ettlingen 42 Stolpersteine an Bürgerinnen und Bürger, die zur Zeit des deutschen Faschismus ermordet worden sind: an Juden, ›Euthanasie‹-Opfer und Zwangsarbeiter«, informiert das Bündnis im Vorwort einer von ihm eigens erstellten Broschüre. In besagter Veröffentlichung finden sich nicht nur die biographischen Informationen zu den Opfern des Naziregimes, sondern auch eine Vielzahl von Bildern sowie ein Stadtplan, der die Orte der verlegten Stolpersteine zeigt und zugleich als Vorschlag für einen Stadtrundgang genutzt werden kann.

Mit seinem anhaltenden Engagement hat das vollkommen ehrenamtlich tätige Ettlinger Bündnis einen bemerkenswerten Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte der Verfolgungen in der heute knapp 40.000 Einwohner zählenden Stadt geleistet, der unter normalen Umständen von den politisch Verantwortlichen selbst hätte erbracht werden müssen. Derlei Aufgaben werden vor allem im ländlichen Raum immer häufiger auf kleine Initiativen abgewälzt. Das sagt auch etwas darüber aus, welchen Stellenwert antifaschistische Gedenk- und Erinnerungsarbeit mitunter hat.

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