23.10.2019 / Feuilleton / Seite 11

Noch drei Tage bis zum Bernstein-Jahr. »Da ham wir sie nun«

Wie wählen wir aus vielen tausend Blättern, die der Zeichner und Dichter F. W. Bernstein (F. W. für Fritz Weigle, 1938–2018) in 506 Skizzenbüchern hinterlassen hat, gut 300 für eine erstmalige Veröffentlichung aus? Nun ja. Wir blättern stundenlang in den Büchern und verständigen uns über Kriterien, die wir dann bald wieder verwerfen: Sind nicht gerade die misslungenen Versuche die interessanten? Wo ist Horst Tomayer am besten getroffen? Wie ist das mit den Porträts von Werner Enke, Michael Rudolf? War Wiglaf Droste ein unmöglich zu fassender Formwandler? Welches Blatt aus den Serien mit Mahlzeiten oder dem Spielzeugauto wäre den anderen vorzuziehen? Und wie viele Dutzend Bilder sind da eigentlich in Sitzungen von Bernsteins Fachbereich an der Berliner Hochschule der Künste entstanden? Sind das vielleicht sogar mehr als die von der Eisenbahnbrücke in Rendsburg, wo er jedes Jahr um den Goethe-Geburtstag herum an der von ihm 1990 gegründeten »Zeichenschule an der Eider« unterrichtete?

Am Ende einigen wir uns auf den Minimalanspruch, der Vielgestaltigkeit des Werks gerecht zu werden, scannen erst mal viel zu viele Bilder ein und vertagen die endgültige Auswahl auf später, möglichst in größerer Runde. Völlig klar, in besseren Zeiten wäre mit der Erschließung dieses Nachlasses ein Institut wie das für Ästhetik und Kunstwissenschaften der Akademie der Wissenschaften der DDR betraut, wir sind da mit unseren Mittelchen allenfalls Platzhalter.

Bernsteins Frau Sabine Weigle, gelernte Antiquarin, hat mit uns jedes Bild der überbordenden Vorauswahl noch einmal angeguckt, oft belustigt, manchmal betrübt. Sie hat erzählt, was ihr dazu einfiel, und dabei wirklich Engelsgeduld bewiesen. Überhaupt ist dieser wunderbar wachen Frau, die sich im höheren Alter auf eigene Faust jahrzehntelang Chinesisch beibrachte, ein Taktgefühl eigen, wie es wohl immer schon selten war und heute so gut wie nirgends mehr zu finden ist.

Zum T-Shirt des jW-Redakteurs Alexander Reich allerdings, der auf dem Foto neben ihr sitzt, passt eine Stelle aus dem Bernstein-Bändchen »Frische Gedichte« (2017), die ein enger Freund des Meisters, der Soziologe Hans Joachim Sperling, bei der Trauerfeier vortrug:

Neue Nazis, da ham wir sie nun.

Was tun?

Verständnis zeigen?

Verachtung? Abscheu? Ängstlich schweigen?

Ach was:

Hier hilft nur Hass!

Ab kommenden Sonnabend wird jW ein Jahr lang in jeder Ausgabe eine Zeichnung aus den Skizzenbüchern F. W. Bernsteins erstmals veröffentlichen.

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