23.10.2019 / Feuilleton / Seite 11

Mach mir bloß meinen Morgen nicht kaputt

Die Restauration zieht ein ins Disney-Märchenland: »Maleficent: Mächte der Finsternis«

Peer Schmitt

Eine Hochzeit. Die Nacht davor. Prinzen und Prinzessinnen schlagen sich die Schädel ein, hacken sich die Augen aus, kratzen die Überreste zusammen. Das ist entweder Komödie oder Politik oder beides. Manchmal ist auch die Boulevardpresse mit von der Partie, in jedem Fall handelt es sich wohl um eine märchenhafte Angelegenheit.

Es ist gut fünf Jahre her, dass Disneys nicht uncharmante Korrektur des Märchens vom Dornröschen herauskam. »Maleficent« hieß sie und spielte mit der Pointe, dass kein dröger Prinz die schlummernde Prinzessin gewaltsam wachküsste, sondern statt dessen eine sarkastische Stiefmutter ihrem Mündel eine liebevolle Erziehung angedeihen ließ. So von Frau zu Frau.

Die Prinzessin durfte ohne Prinz aufatmen. Statt mit Stahlketten an Thron und Zepter gefesselt zu sein, wuchs sie in den heilsamen niederen Sphären auf, wo die Dinge noch halbwegs in Fluss und Schwebe waren, die Schweine soffen, die Vögel sangen, die Katzen kotzten.

Alles in allem hatte Prinzessin Aurora (Elle Fanning) dank der Interventionen ihrer Stiefmutter, der »bösen« Fee Maleficent (Angelina Jolie), also eine schöne Jugend verlebt. Nun aber ist das Schilf am Flussufer verdorrt und die Vögel singen nicht mehr. Die Schweine saufen nicht mehr, die Katzen kotzen nicht mehr. Die Ernte wurde eingefahren und von fahlen Raubrittern gebunkert.

In »Maleficent – Mächte der Finsternis« wird die Korrektur korrigiert. Die Restauration zieht ein ins Märchenland, nicht mehr und nicht weniger.

Der deutsche Verleihtitel ist dabei so treffend wie irreführend. Zwar sind die Mächte im Disney-Märchenland zwar generell durchaus finsterer Natur, der Film heißt im Original jedoch »Maleficent – Mistress of Evil«, mit vielleicht nicht ganz so jugendfreien Anklängen an die »Belle Dame sans Merci« (Ballade von John Keats, 1819), die fahle Rittersleute am wilden Honig naschen lässt, bis sie vor Lustschmerz in Ohnmacht fallen. Diese vom Originaltitel möglicherweise geweckten Hoffnungen, löst der Film aber ohnehin nicht ein. Er ist eine dieser geistlosen Fortsetzungen, die an die späten Staffeln von zu Beginn wirkungsvollen Fernsehserien wie »True Blood« oder »Game of Thrones« erinnern, die plötzlich keinen Spaß mehr machen wollen und dann schließlich auch wirklich gar keinen Spaß mehr machen können.

Aufgetragen bekommen hat die Fortsetzung der norwegische Regisseur Joachim Rønning, ein Filmemacher der rettungslosen Desaster (»Pirates of the Caribbean: Dead Men Tell No Ta les« 2017; »Kon-Tiki«, 2012). Da kann selbst Angelina Jolie in der Titelrolle nicht mehr helfen, mit ihren mächtigen Hörnern auf der Stirn, den weitschwingenden Flügeln auf dem Rücken und vor allem den wirklich sehr spitzen Wangenknochen, die von digitaler Animationstechnik so krass verfremdet werden, dass es an eine Totenmaske erinnert. Aus diesen Wangenknochen – einem markanten, aber zunächst noch naturgegebenen Merkmal eines Gesichts – wird so ein Element des Phantastischen analog zu den Hörnern und Flügeln. »Male­ficent 2« folgt darin der im digitalen Kino vorherrschenden Tendenz, dass die Unterschiede zwischen Schauspieler-(»Star«)-Gesicht und Cartoonfigur mehr und mehr verblassen. Selbst die berühmtesten Wangenknochen der Welt sind Produkt eines Programms der überdeutlichen Konturen, das die vielleicht einmal lebhaft gewesene Phantasie erstarren lässt.

»Mach mir bloß meinen Morgen nicht kaputt«, warnt Maleficent den Boten, der ihr die unglückselige Nachricht überbringt, dass ihre Stieftochter den Heiratsantrag eines fahlen Prinzen (Harris Dickinson) angenommen habe. Den Boten spielt übrigens der missmutige Sam Riley, der hier die durchaus märchenfilmtypische Eigenschaft hat, sich in einen Raben verwandeln zu können.

Natürlich ist Maleficent gegen diese Heirat. Und die durchaus verdächtigen Hochzeitsvorbereitungen geben ihr Recht.

Ist es nicht ohnehin eine Phantasie der Einschüchterung, die so einer Prinzessin droht? Sich mit einem Prinzen vermählen, in ein Königshaus einheiraten, Diener, Sklaven, Untertanen beherrschen und ein großes Schloss verwalten, mit wehrhaften Zinnen, verborgenen Treppen, heimlichen Hinterzimmern, doppelten Böden, dunklen Verliesen, wahnwitzigen Kellerexperimenten …

Eingeheiratet wird in ein Königreich der Angst, dem eine Queen Ingrith (Michelle Pfeiffer) vorsteht. Die ist rassistisch und revanchistisch und lässt in den Burgverliesen chemische Waffen zusammenbrauen, um allen Feen und Fabelwesen den Garaus zu machen. Mit der chemischen Keule.

Statt eines eleganten Märchenfilms mit Sex und Drogen und feministischen Untertönen bekommt man also einen Film über den Krieg zwischen Stief- und Schwiegermutter im Königreich der Angst. Ein Krieg, der zwischenzeitlich tatsächlich in einen Krieg der »Rassen« (geflügelte Feenwesen gegen aufgerüstete Schlossbewohner) ausartet und zu den unglücklichen Schlachtszenen aus »Game of Thrones« verheerend große Ähnlichkeit aufweist. Abzüglich der offenen Blutrünstigkeit. Denn Feenwesen bluten nicht, sie verpuffen.

Genauso verpufft leider auch der Charme, der von Maleficent einmal ausging. Ihre ursprünglichen Warnungen blieben unerhört. Der Film endet mit einer dümmlichen königlichen Hochzeit. Die Burg ist befestigt, die Vögel singen nicht.

»Maleficent: Mächte der Finsternis«, Regie: Joachim Rønning, USA 2019, 119 min, bereits angelaufen

https://www.jungewelt.de/artikel/365308.kino-mach-mir-bloß-meinen-morgen-nicht-kaputt.html