19.10.2019 / Feuilleton / Seite 14

Nachschlag: Ohne Pose

Chronist der Ostdeutschen | Do., 23.05, MDR

Das Beste an der Dokumentation sind die Fotografien. Weil sie auf die Pose verzichten und Alltagssituationen der Nachkriegsjahrzehnte darstellen – in der DDR, der Sowjetunion und Frankreich. Roger Melis (1940–2009), der in der Fernsehreportage selbst zu Wort kommt, erklärt, wie seine Porträts entstanden sind: Anfangs spielten die Menschen ihm immer vor, wie sie gern sein möchten. Erst durch das Gespräch nähere er sich der Wirklichkeit an. Dann müsse man nur noch den Fotoapparat hochheben. Die Dokumentation kann nicht auf Stimmen verzichten, die den Realismus von Melis gegen die DDR wenden. Er selbst schätzte das kollegiale Arbeitsverhältnis im Osten, die gemeinsame Erarbeitung von Standpunkten und die Diskussion über Projekte. Im Rückblick sagte Melis, früher sei alles ein Thema gewesen, was nicht im Fernsehen auftauchte. Heute könne alles fotografiert werden, deshalb sei für Fotografen vieles nicht mehr interessant. (sk)

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