07.10.2019 / Politisches Buch / Seite 15

Ohne Staat und Politik

Raimund G. Philipp wendet sich am Beispiel Chinas gegen die Rückprojektion bürgerlicher Kategorien auf vormoderne Gesellschaften

Gerd Bedszent

Über die Entwicklung Chinas während der letzten Jahrzehnte und speziell über die jüngste wirtschaftliche Entwicklung des Landes ist schon viel und sehr kontrovers publiziert worden. In einem gerade von einem Wissenschaftsverlag veröffentlichten dickleibigen Werk geht es auch um China – allerdings um eine ganz andere Zeit, nämlich die Vor- und Frühgeschichte des asiatischen Landes.

Raimund G. Philipp wirft in dem Buch »Die Geschichte Chinas als Geschichte von Fetischverhältnissen« einem großen Teil der historischen Forschung »die Rückprojektion moderner Kategorien« auf vormoderne Gesellschaften vor. Viele Autoren übertrügen, als wäre das selbstverständlich, Kategorien der modernen bürgerlichen Gesellschaft auf frühe Gesellschaften – im vor- und frühgeschichtlichen China, so Philipp, habe es weder eine »Industrie« noch eine »Politik« oder gar einen »Staat« gegeben. Die Verlängerung von Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus in frühe Gesellschaften, die ganz anderen Gesetzmäßigkeiten gehorchten, liefere ein verzerrtes Geschichtsbild.

Von allgemeinerem Interesse an diesem Streit ist, dass Philipp sich bei seiner Argumentation sowohl auf Karl Marx als auch auf den 2012 verstorbenen Philosophen Robert Kurz stützen kann und dies auch tut. Tatsächlich hatte Marx in seinem nachgelassenen Manuskript »Zur Kritik der politischen Ökonomie« festgestellt, die bürgerliche Geschichtswissenschaft sehe in allen vergangenen Gesellschaftsformationen stets die moderne bürgerliche Gesellschaft und verwische bestehende Unterschiede. Kurz griff diesen Ansatz viel später auf und interpretierte die Geschichte als eine Geschichte unterschiedlicher Fetischverhältnisse. Der im ausgehenden europäischen Mittelalter erfolgte Übergang von feudalen Ausbeutungsverhältnissen zum Kapitalismus sei somit der Übergang von religiös bestimmten Fetischverhältnissen zum Kapitalfetisch gewesen, der heute die gesamte Gesellschaft dominiert.

Kurz meinte außerdem, dass vor dem Siegeszug des Frühkapitalismus die Kategorien, die die heutige Gesellschaft bestimmen, allenfalls ein Nischendasein gefristet hatten. Versuche, die Funktionsweise vormoderner Gesellschaften mit Hilfe moderner Kategorien zu erklären, seien dem Siegeszug des (bürgerlichen) Aufklärungsdenkens des 18. Jahrhunderts geschuldet.

Philipp kritisiert nun, dass zahlreiche Historiker bei der Beschreibung vorkapitalistischer Gesellschaften Kategorien der bürgerlichen Gesellschaft geradezu hyperinflationär verwenden. Dabei dürfte sogar Nichthistorikern einleuchten, dass es zur Fertigung von Steinwerkzeugen im ausgehenden Neolithikum zwar eines gewissen Könnens und der Geschicklichkeit bedurfte, diese Tätigkeit aber dennoch nichts mit modernen Industriebetrieben und kapitalistischer Lohnarbeit zu tun hatte. Tatsächlich aber sind – wie Philipp nachweist – die Begriffe »Industrie« und »Arbeit« in historischen Abhandlungen über diese frühen Gesellschaften gelandet.

Die Hauptkritik Philipps an seinen Kollegen betrifft allerdings die Verwendung der Kategorien »Staat« und »Politik«. Wie er schreibt, ist China zweifelsfrei die einzige Hochkultur, die im Laufe der Jahrtausende mehrfach von äußeren Feinden erobert wurde, aber dennoch nie unterging. Von Staatlichkeit oder gar Politik im heutigen Sinne in den frühen, religiös dominierten Herrschaftsgebilden könne dennoch keine Rede sein. Politik und Recht seien durch den Kapitalfetisch bestimmt, den es damals noch nicht gab.

Ist die geschilderte Auseinandersetzung ausschließlich ein Streit unter Spezialisten über Detailfragen ihres Fachgebietes? Hinter der Debatte verbergen sich unterschiedliche Sichtweisen auf die gesamte menschliche Geschichte. Hat es den Kapitalismus und seine Kategorien in modifizierter Form schon immer gegeben? Ist der Kapitalfetisch ein ehernes Gesetz der menschlichen Natur? Oder gab es Gesellschaften, die mit Begriffen wie Staat, Lohn, Geld, Profit und Aktienindex nichts anfangen konnten? Also: Wird es den Kapitalismus »ewig« geben? Oder ist er, so oder so, irgendwann »Geschichte«?

Der Autor schreibt dazu in einer Anmerkung: »Das radikal-kritische Denken ist nicht verschwunden. Der tote Hund Marx beißt immer noch.«

Raimund G. Philipp: Die Geschichte Chinas als Geschichte von Fetischverhältnissen. Zur Kritik der Rückprojektion moderner Kategorien auf die Vormoderne: ausgehendes Neolithikum, die drei Dynastien. WBG Academic, Darmstadt 2019, 516 Seiten, 58 Euro

https://www.jungewelt.de/artikel/364258.theorie-der-geschichte-ohne-staat-und-politik.html