28.09.2019 / Wochenendbeilage / Seite 4 (Beilage)

Tropische Vielfalt

Vulkane, Regenwald, endlose Küsten und eine einzigartige Flora und Fauna. Ein Besuch in Ecuador

Maria Indyk

Die Republik Ecuador im Nordwesten Südamerikas gilt als artenreichstes Land der Welt und hält für Reisende besondere Reize bereit: Eine Vielzahl schlafender und aktiver Vulkane, eine verlockende Meeresküste, kulinarische Genüsse und Wetter, das innerhalb eines Tages von Sonne zu Regen und Schnee wechseln kann. Das verleitete schon Alexander von Humboldt zu schreiben: »Meine Gesundheit und Fröhlichkeit hat trotz des ewigen Wechsels von Nässe, Hitze und Gebirgskälte sichtbar zugenommen.« Der Blick auf die Klimatabelle offenbart jedoch, dass sich die monatlichen Temperaturen kaum unterscheiden. Nur die Niederschlagsmenge fällt regional sehr unterschiedlich aus. Dafür verantwortlich sind neben dem Humboldt- und Panamastrom die Lage des Landes, das sich vom Meeresspiegel bis auf 6.310 Meter erstreckt. Vor Ort zeigt sich, dass klimatische Unterschiede selbst innerhalb kleinster Entfernungen spürbar sind.

Die Reise beginnt in der Küstenstadt Guayaquil, die eine erste kulinarische Überraschung bereithält. Der Kaffee präsentiert sich als Essenz in einer kleinen Karaffe so dunkel wie Balsamico. Das Extrakt wird verdünnt in einer Tasse mit heißem Wasser. Zum Frühstück werden Bolones, auch Bolas genannt, serviert, Bällchen aus grünen pürierten Kochbananen mit Käse, Speck oder Fleisch. Im ganzen Land sind frisch gepresste Fruchtsäfte erhältlich. Die sogenannten Jugos naturales sind ein Genuss. Es gibt sie in den Sorten Guanabana, Guave, Ananas, Papaya, Wassermelone, Brombeere, Mango und seltener Tamarinde. Verlässt man die pulsierende Metropole auf der Küstenstraße, erreicht man den einzigen Meeresnationalpark Ecuadors, Machalilla. Als Ausgangspunkt für den Besuch bietet sich Ayampe an, dort lassen sich in den Monaten September und Oktober auch Buckelwale beobachten. Einer der schönsten Strände ist die Playa los Frailes. Im November ist die Vegetation des Nationalparks, der über gut ausgeschilderte Wanderwege verfügt, völlig blattlos. Gut sichtbar sind dann die Dornen, und rote Blüten entfalten ihre volle Schönheit.

Für einen Besuch der Silberinsel (Isla de la Plata) wählt man das nahegelegene Puerto López, von wo aus die Fahrt ungefähr eine Stunde dauert und erschwinglich ist. In den Monaten November und Dezember kann man Blaufußtölpel (Patas azules) aus nächster Nähe beobachten, sie füttern ihre Jungen und balzen noch. Auch Masken- und Rotfußtölpel und vereinzelt Albatrosse machen hier Halt. Wenn die Vegetation von Januar bis März wieder ergrünt und blüht, sind die Jung- und Altvögel vor dem Regen bereits abgereist. Sir Francis Drake soll Namensgeber dieser Insel sein. Angeblich vergrub der Freibeuter, der im Auftrag der englischen Königin Kaperfahrten gegen die Spanier unternahm, einen Silberschatz auf dem rund sechs Kilometer langen Atoll. Mit viel Glück begrüßen Meeresschildkröten die Ankommenden. Schnorcheln ist auf der nordöstlichen Seite der Insel möglich. Nur ist das Meer etwas frisch, und in dieser Sportart Ungeübte sehen ohne Sonnenlicht gerade mal einen gelben Fisch. Zu bewundern gibt es jedoch, umschwärmt von kleinen, farblosen Fischen, Palettendoktor- und Kaiserfische.

Zurückgekehrt, geht es von der Küste aus in eine Höhe von circa 3.500 Metern. Das Dorf Salinas de Guaranda eignet sich perfekt, um einen Blick auf den Vulkan Chimborazo zu werfen. Mit 6.310 Metern ist er der höchste Berg des Landes. Alexander von Humboldt kämpfte sich im Juni 1802 durch den Nebel und passierte die Grenze zum ewigen Schnee quasi »im Gehrock«. Warm eingepackt, sollte ein Blick auf diesen mit Gletscherkappe bedeckten Giganten gelingen. Erst nach drei vergeblichen Versuchen gibt er seine Schönheit preis und auch dann nur recht kurz und sehr früh morgens. Schnell ist er wieder verhüllt, erst durch Wolken und dann durch starken Niederschlag.

Straße der Vulkane

Salinas ist nicht allein interessant, um sich an die Höhe zu gewöhnen. Die Bewohner gründeten in den 1970er Jahren Genossenschaften, um einen fairen Preis für Milch, Gemüse und Wolle zu erzielen. Später übernahmen sie das Modell für die Herstellung von Schokolade, Wollkleidung und den Anbau von Pilzen. Unterstützt wurden sie von einem italienischen Pater, der sich besonders mit Käse auskannte und beim Aufbau der Genossenschaften mithalf. Damals herrschten im Ort eine hohe Kindersterblichkeit und Armut. Heute laden ein Café, einige Geschäfte und Essenslokale zum Besuch ein. Nirgendwo in Ecuador ist der Käse so schmackhaft und reich an Sorten. Für die Daheimgebliebenen kauft man in der Schokoladenfabrik »Chocolerito Salinerito«. So nennt sich die 50-Gramm-Tafel, die rund einen US-Dollar (Währung in Ecuador) kostet. Der Kakaogeschmack ist nicht zu vergleichen mit dem der in Europa gängigen Süßigkeit. Sonntags kann man die Campesinos sehen, die ihre Milch mit Lamas zur Fabrik bringen.

Um nahenden Wolkenbrüchen zu entfliehen, geht es weiter auf der Panamericana, in Ecuador als »Straße der Vulkane« bekannt. Der gut befahrbare Highway führt mitten durch zwei Reihen von insgesamt 52 Vulkanen. »Der Cotopaxi hat die schönste und regelmäßigste Form unter allen kolossalen Spitzen der hohen Anden (…)«, notierte Humboldt über den Vulkan, der 1904 letztmalig Feuer spuckte. Hat er damals in der Hacienda »La Cienega« übernachtet? Angeblich war 2007 noch eine Humboldt-Suite für 150 US-Dollar pro Nacht zu mieten. Für den kleineren Geldbeutel sei die Stadt Machachi empfohlen, dort gibt es preiswerte Unterkünfte und Restaurants. Der Cotopaxi ist mit seinen 5.897 Metern einer der höchsten aktiven Vulkane der Welt. Die Lagune Limpiopungo liegt auf rund 4.200 Metern Höhe. Von den Ufern dieses flachen, schilfreichen Sees bietet sich bei klarer Sicht eine herrliche Aussicht auf den eindrucksvollen Giganten. Obwohl der 2,6 Kilometer lange Rundwanderweg flach ist, fällt in dieser Höhe jeder Schritt recht schwer. Wasservögel rasten, aber kein Kondor lässt sich blicken. Von der Hosteria »Tambopaxi« lässt sich unterwegs das unbeschreibliche Panorama auf den mit Schnee bedeckten Riesen genießen. Das Frühstück ist eines der teuersten, aber immer noch preiswerter als das Mittagessen und erschwinglicher als die Übernachtung. Ansichtskarten sind selten und purer Luxus. Im Shop des Nationalparks Cotopaxi wird man fündig und zahlt für sechs Stück mit Briefmarken 22 US-Dollar. Lediglich eine erreichte nach zwei Monaten und drei Wochen ihr europäisches Ziel.

Das Naturschutzgebiet El Boliche grenzt an den Cotopaxi-Nationalpark. Ein längerer Rundweg führt durch die vielfältige Flora und Fauna. Eine kleine Gruppe Lamas widmet sich hingebungsvoll jedem Grashalm und gibt sich nicht sehr fotogen. Auch von den angebotenen Karotten zeigen sich die Spucker unbeeindruckt. Kurz mit den Lippen berührt, bleibt das Gemüse schnell links liegen. Bei einem Besuch der Lagune Quilotoa muss man auf Überraschungen gefasst sein. Selbst vom Übernachtungsgast wird »Eintrittsgeld« verlangt. Unterkünfte und Essen sind teuer und schlecht. Aber der Kratersee Quilotoa beeindruckt. Auf einer Höhe von 3.854 Metern schimmert sein mineralhaltiges Wasser smaragdgrün. Frühmorgens, bevor Nebel und Wolken die Sicht versperren, zeigt er sich in seiner Pracht. Bereits um sieben Uhr ist die Sonneneinstrahlung so intensiv, dass sie auf der Nase wie ein Lötkolben brennt. Während die Lagune in Regenwolken verschwindet, scheint im 23 Kilometer entfernten Chugchilán weiter die Sonne. Auch dort gibt es Wanderwege, und es gibt eine Unterkunft, in der man günstig und gut essen kann.

Grüne Fülle

In Ecuador ist es einfach, den tropischen Regenwald zu erreichen. Die Stadt Misahuallí liegt am Río Napo und bietet sich für Bootsfahrten auf dem Fluss und Urwaldtouren an. In der Laguna Isla Paicawe lassen sich Affen und etliche Vogelarten erspähen. Außerdem reizt der Besuch der Forschungsstation Jatun Sacha. Der Eintrittspreis dient dem Erhalt der Station – freiwillige Helfer sind übrigens immer willkommen! Trotz Markierungen kann man sich im Regenwald leicht verlaufen und Vogelturm und Fluss verfehlen. Lässt sich dann kein Affe, kein bunter Pfeilgiftfrosch blicken, und Regen kommt hinzu, kann das den Wanderspaß eintrüben. Welche Tiere sind zu sehen, wenn man spät vormittags mit Anderen vielleicht noch lärmend in Gummistiefeln durch die Wildnis stampft? Da lockt doch eher der Sangay-Nationalpark. Die Vegetation stellt sich hier in einer unglaublichen Fülle und Vielfalt dar. Alexander von Humboldt überlieferte der Nachwelt: »Nur hier in dem tropischen Teile von Südamerika ist die Welt recht eigentlich grün.« Orchideenliebhaber kommen voll auf ihre Kosten. Überall blühen extrem kurzlebige Sobralias in den unterschiedlichsten Farben, Formen und in unglaublichen Mengen. Die weißen Blüten haben einen Durchmesser von bis zu acht Zentimetern und eine gelbe Lippe. Ihr Stamm ist bis zu zwei Meter hoch und dünn. Sie erfreuen das Auge in den Farben rosa und gelb. Manche Blüten sind überdies wie Helikonien angeordnet. Nur ist der Besuch des Nationalparks recht kurz, wenn eine Machete für den Wanderweg fehlt.

Selbst wenn Naturliebhaber im Urlaub Städte möglichst meiden, sollte dies nicht für Cuenca gelten. Der Ort ist geprägt von eindrucksvollen Bauten aus der spanischen Kolonialzeit, von der er 1820 durch Simón Bolívar befreit und für unabhängig erklärt wurde. Cuenca nennt sich »Ciudad del Sombrero«, Stadt des (zu Unrecht so bezeichneten) Panamahutes. Ecuadors berühmtester Exportartikel kommt nun mal nicht aus Panama. Für diesen »Namensfehler« gibt es zwei mögliche Erklärungen. Erstens: Geschäftsleute exportierten das aus Naturfasern geflochtene gute Stück über Panama nach Europa und in die USA. Zweitens: Ein gewitzter Franzose stattete die Arbeiter des Panamakanals mit diesem leichten und dennoch robusten Schutz vor der Tropensonne aus. Im »Museo del Sombrero« kann man den Flechterinnen über die Schulter schauen, wenn aus Toquillastroh ein Meisterwerk entsteht. Paja-Toquilla-Hüte werden aus den faserigen Wedeln der gleichnamigen Palme hergestellt. Trotz der Fülle von Farben und Formen sollte es gelingen, das Museum »behutet« zu verlassen.

Und schließlich ist Cuenca noch der ideale Ausgangspunkt für den Besuch des Cajas-Nationalparks. Den Wanderer erwartet eine unwirkliche Landschaft, kalte, wie Juwelen glänzende Seen und ein Märchenwald aus Polylepis-Bäumen. Sie halten einen Rekord unter allen Bäumen und gedeihen in Höhen von bis zu 5.000 Metern. Ihr Stamm ist leuchtend rot, sie sind knorrig und ein wenig zwergenhaft.

Obwohl Ecuadors Straßen in einem guten Zustand sind, braucht man viel Zeit für die Fahrt von A nach B. Extreme Höhenunterschiede sind zu überwinden, und Vierbeinern ist auszuweichen. Dabei sollte man nicht nur auf Ziegen und Kühe, sondern auch auf aufbäumende Pferde auf der Fahrbahn gefasst sein, die sich ihrem Halter hartnäckig widersetzen können.

Entspannter Ausklang

Neigt sich die Reise dem Ende zu, sollte man sich ein Plätzchen nahe der größten Stadt Ecuadors, Guayaquil, suchen. Der Küstenort Playas lockt mit einem zwölf Kilometer langen Sandstrand. Wie eine Perlenkette reihen sich die Häuser aneinander, von protzig hässlich über selten klein bis romantisch verspielt. Bei ausgedehnten Spaziergängen findet man Süßwasserlagunen, in denen sich Löffler und Ibisse tummeln. Pelikane, Fregattvögel und Geier sind am Meeresstrand allgegenwärtig. Kulinarisch wird man mit Ceviche verwöhnt. Wahlweise mit Fisch, Muscheln oder Garnelen. Kalt serviert, meist mit Orangen- oder Zitronensaft mariniert, enthält sie Zwiebeln, Pfeffer und eine scharfe Soße (Ají). Nur Koriander muss man mögen. Dazu werden Patacones gereicht, knusprig gebratene oder frittierte grüne Kochbananen oder Reis. Eines ist gewiss: Das Wetter zeigt sich hier zu jeder Jahreszeit von seiner Sonnenseite.

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