12.09.2019 / Inland / Seite 5

Neuer Anstrich, alter Muff

Deutsche Bahn will »grün« werden. Verstöße bei Beraterverträgen

Efthymis Angeloudis

Die Farbe soll es richten: So einfach hat sich die Deutsche Bahn AG (DB) ihre neue Werbekampagne vorgestellt, um ihrem angeschlagenen Image einen neuen Anstrich zu verpassen. Vorn und hinten bekommen alle ICE einen grünen Streifen anstelle des gewohnten roten. »Kein Verkehrsmittel ist so klimafreundlich wie die Bahn«, begründete der Vorstandsvorsitzende Richard Lutz am Dienstag in Berlin die Farbauswahl. Doch trotz des Imagewechsels holen alte Sünden die Aktiengesellschaft nun ein.

In der Berateraffäre der Deutschen Bahn haben externe Ermittler in insgesamt elf Fällen Verstöße gegen das Aktienrecht festgestellt, wie die dpa am Dienstag mitteilte. Zwei Fälle betreffen demnach die DB AG, neun die Tochterunternehmen des Konzerns. Die Ermittler haben demnach Beraterverträge über einen Zeitraum von fast zehn Jahren unter die Lupe genommen. Dabei geht es um ein Gesamtvolumen von etwa 11 Millionen Euro. Der internen Revision waren die Kontrakte mit ehemaligen Managern aufgefallen. So soll ein früheres Vorstandsmitglied nach einer Abfindung in Millionenhöhe noch Hunderttausende Euro als Beratungshonorar erhalten haben. Es sei dafür aber eine »marktübliche Leistung« erbracht worden, hieß es am Dienstag aus Aufsichtsratskreisen.

Außerdem habe Personenverkehrsvorstand Berthold Huber einen Vertrag mit seinem Vorgänger Ulrich Homburg unterschrieben und nicht dem Aufsichtsrat vorgelegt, heißt es im Bericht des Prüfungs- und Complianceausschusses des Konzern-Aufsichtsrats. Huber habe damit pflichtwidrig gehandelt.

Bei anderen ehemaligen Führungskräften geht es früheren Angaben zufolge um vier- und fünfstellige Honorare. Untersucht wurde jeweils, ob die Manager eine angemessene Gegenleistung erbracht haben. Namen hatte das Unternehmen nicht genannt. Die fraglichen Verträge stammen aus den Jahren 2010 bis 2018. Sie fallen damit größtenteils in die Amtszeit des früheren Bahnchefs Rüdiger Grube und seines Finanzvorstands Richard Lutz.

Lutz zeigte sich bei der Präsentation der neuen Betriebsfarben trotzdem selbstbewusst. Immerhin »reitet« die Bahn gerade auf der Welle des Umwelt- und Klimaschutzes. »Bahnfahren ist aktiver Klimaschutz«, warb der Vorstandschef und zeigte auf das Bild eines grünen Steckers, das nun auf jeden ICE lackiert wird. Der Fernverkehr fahre seit 2018 komplett mit Ökostrom. Das heißt aber in Wahrheit nur, dass die Bahn soviel Ökostrom einkauft wie sie für den Fernverkehr braucht. In die Oberleitungen fließt der normale Bahnstrommix, der 2018 noch zu 43 Prozent aus Kohle, Gas und Atomkraft stammte. So weit, so »grün«.

Es gibt aber eine weitere Botschaft: Damit mehr Menschen Bahn fahren, könnten im Fernverkehr die Fahrkartenpreise deutlich sinken – sofern der Staat bereit ist, auf einen Teil der Mehrwertsteuer zu verzichten. Darüber berät das sogenannte Klimakabinett der Bundesregierung in der nächsten Woche.

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