19.08.2019 / Sport / Seite 16

Die Wahrheit über den 1. Spieltag

Klaus Bittermann

Bereits nach dem ersten Spieltag ist Herr Seethaler überzeugt: »Ist doch sonnenklar, Dortmund wird Meister.« Ich sollte ihm eigentlich beipflichten, wenn es da nicht die bei BVB-Fans eingebaute Skepsis gäbe und einem sofort tausend Gründe einfielen, die dagegen sprechen. Um nur einen zu nennen: Wenn in letzter Zeit ein Verein für die kommende Saison Ambitionen angemeldet hatte, ging es in der Regel schief. Zuletzt wollte Stuttgart international spielen – in der Folge hatte man sogar in Relegation gegen Union Berlin das Nachsehen. In diesem Fall hatte ich allerdings nichts dagegen, denn wer kann schon den VfB leiden?

Noch liegen 33 Spiele vor der erhofften Dortmunder Meisterfeier. In denen wird es dem BVB nicht immer so leicht gemacht werden wie am Samstag in Halbzeit zwei vom früheren Angstgegner Augsburg. FCA-Keeper Tomas Koubek wehrte vor der Pause zwar noch eine Reihe gar nicht so einfache Schüsse ab, griff dann aber in der zweiten Hälfte häufiger daneben, weshalb es am Ende doch 5:1 stand. Im ersten Durchgang war dem BVB nach dem schnellen Führungstreffer der Gäste nach 31 Sekunden zwar der schnelle Ausgleich gelungen (3. Minute, Paco Alcácer), aber anschließend fiel erst mal kein Tor mehr. Man begann schon, sich Sorgen zu machen, denn diese Saison dürfte es in den allermeisten Spielen der Borussia mehr denn je heißen: kontrollierter Angriff gegen reine Defensive.

Völlige Blockade plus Konter sind die einzige realistische Strategie, die den kleinen Vereinen gegen die großen geblieben ist. Wenn der überlegenen Mannschaft zu wenige Tore gelingen, kann es eben so ausgehen wie am Freitag im Auftaktspiel der Bayern gegen Hertha. Dort stand es am Ende 2:2, weil den Herthanern zwei Glückstore gelangen, während die Bayern ihre drückende Überlegenheit nicht in mehr Treffer ummünzen konnten. Das Glück der schwächeren bzw. Pech der besseren Mannschaften ist das einzige Element, das dem Spiel noch etwas Spannung gibt.

Die könnte es dafür dank der Dortmunder Stärke erneut im Kampf um den Titel geben: Der BVB wird diese Saison zudem von einer Welle der Sympathie getragen, denn endlich soll mal jemand anders Meister werden als die Bayern. Aber so leicht werden die Münchner nicht aufgeben. Nach dem geplatzten Sané-Transfer haben sie jetzt Philippe Coutinho an der Angel, der sich nach starken Zeiten in Liverpool beim FC Barcelona nie richtig durchsetzen konnte. Ivan Perisic allerdings, den man anstelle von Leroy Sané aus Mailand geholt hatte, ist nicht gerade ein großer Fisch. Trotzdem sind die Bayern stark genug, um den Dortmundern mehr als nur Probleme zu bereiten, auch wenn jeder den Westfalen bescheinigt, wie gut und klug sie eingekauft haben.

Und tatsächlich sind die Neuen ein Gewinn: Exgladbacher Thorgan Hazard wusste offensiv ebenso zu überzeugen wie Rückkehrer Mats Hummels mit seinen präzisen Außenristpässen (auch wenn er hinten nicht immer eine Bella figura machte) und Julian Brandt, der gleich nach seiner Einwechslung eine sensationelle Flanke von Axel Witsel direkt zum 5:1 Endstand verwandelte. Auch der schnelle Außenverteidiger Nico Schulz machte auf der linken Seite viel Druck nach vorne und dürfte nun langfristig Marcel Schmelzer ablösen, der in letzter Zeit viel zu ideenlos agierte. Aber der beste Borusse ist nach wie vor – nein, nicht etwa Marco Reus – Jadon Sancho. Seine Tricks sind eine Augenweide, zudem war er einmal mehr an der Vorbereitung fast aller Treffer beteiligt. Okay, vielleicht hat Herr Seethaler ja doch recht. Manchmal sagt er, er sei Bayern-Fan, aber so richtig glaube ich es ihm nicht.

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